Übernatürliches Terrain

24.01.2017 • 21:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Assayas ist einer der Großmeister des französischen und europäischen Films.

berlin. (VN-lh) Für seine letzte Arbeit, „Personal Shopper“, wurde Olivier Assayas beim Festival in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet. Der Streifen, mit US-Star Kristen Stewart in der Hauptrolle, läuft ab 27. Jänner in den österreichischen Kinos.

Als Österreicher ist man verblüfft, als in einer Schlüsselszene plötzlich das „Hobellied“ aus Ferdinand Raimunds „Verschwender“ erklingt, und zwar in einer Aufnahme mit Marlene Dietrich aus dem Jahr 1952. Wie sind Sie darauf gekommen?

ASSAYAS: Es ist eine Szene, in der sich Kristen Stewart aus- und anzieht. Ich wollte das ursprünglich ganz ohne Ton machen. Aber ich war zuvor auf die Marlene-Dietrich-Aufnahme aufmerksam gemacht worden, und plötzlich schien mir das „Hobellied“ die ideale Begleitmusik für diese Sequenz.

Kannten Sie die Melodie von früher?

ASSAYAS: Ja, aus meinen Kindheitserinnerungen. Meine Mutter war halb Ungarin, halb Österreicherin, die Großmutter stammte aus Salzburg. Ich bin zwar nicht in Österreich aufgewachsen, spreche nur ein paar Brocken Deutsch, doch ich bin von eurer großartigen Literatur zutiefst beeinflusst.

Haben Sie bei der Auswahl Ihrer Filmmusik gewisse Prinzipien?

ASSAYAS: Insofern ja, als ich mir für gewisse Abschnitte die Musik gerne selbst zusammenstelle. Üblicherweise lässt man sich ja von jemandem einen Score schreiben. Machte ich zum Beispiel im Jahr 2000 für „Les destinées sentimentales“, holte mir dafür den exzellenten Komponisten Antoine Duhamel. Aber nachher stellte ich fest, dass der gesamte Grundton seiner Musik zu düster war. Deshalb bevorzuge ich meistens eine selbst gebastelte Collage.

„Personal Shopper“ ist nicht Ihr alltäglichster Film. Man könnte ihn als meditativ bezeichnen?

ASSAYAS: Sie haben recht. Ich habe mich auf übernatürliches Terrain begeben, und da gibt es Dinge, die man nicht in zwei Worten beschreiben kann. Es ist der wohl komplexeste Film, den ich je gedreht habe. Vielleicht aber auch der einfachste.

Sie haben die Hauptrolle extra für Kristen Stewart geschrieben?

ASSAYAS: Ja, weil unsere Zusammenarbeit bei „Die Wolken von Sils Maria“ so perfekt war.

Wie hat sie reagiert, als sie davon erfuhr?

ASSAYAS: Sie hat mir nachher gestanden, dass sie zunächst erschrocken war. Falls ihr die Geschichte nämlich nicht gefiel – wie sollte sie reagieren? Doch nach der Lektüre des Drehbuchs war sie begeistert. Sie liest, sagt sie, jedes Drehbuch nur ein einziges Mal. Den Rest an Inspiration holt sie sich am Set. Für mich war sie einfach die ideale Verkörperung der Maureen, weil Kristen die Fähigkeit hat, all die mystischen Zusammenhänge zu „erden“. Sie hatte gleichzeitig ein Angebot von Woody Allen. Eine leichte, beschwingte Rolle. Ich habe ihr angeboten, unseren Film vorher zu drehen. Das hat sie abgelehnt.

Warum?

ASSAYAS: Mir war klar, dass ihre Aufgabe bei mir ungeheuer anstrengend war, auch physisch. Sie rennt ja bis zur Erschöpfung herum, ist rastlos. Sie hat sich in der Tat mächtig hineingesteigert und dabei auch ein paar Kilo verloren. Deshalb war es ihr lieber, vorher die „leichte“ Arbeit mit Woody Allen abzuschließen. Nach „Personal Shopper“ brauchte sie eine Erholungspause.

Als „Zeugen“ für die geheimnisvolle andere Welt bemühen Sie auch Victor Hugo?

ASSAYAS: Bis zu seinem Tod glaubte er an das Fortleben der Seele. Konnte ich einen besseren „Zeugen“ finden?

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

ASSAYAS: Der Glaube, finde ich, macht unser Leben schöner und besser. Ja, ich beschäftige mich viel mit Religion, lese die Bibel, habe aber auch meine Zweifel.

Für mich war sie einfach die ideale Verkörperung der Maureen.

Olivier Assayas