„Mein Film ist weder Dokumentation noch Biographie“

Menschen / 26.04.2019 • 21:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Regisseur Julian Schnabel zeigt das Leben des weltberühmten Malers Vincent van Gogh (1853-1890). AFP
Regisseur Julian Schnabel zeigt das Leben des weltberühmten Malers Vincent van Gogh (1853-1890). AFP

Julian Schnabel spricht über seinen Film „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“.

Berlin Er ist selbst Maler – und Filmemacher. Sein neuestes Kino-Opus hat der New Yorker Julian Schnabel einem berühmten Kollegen gewidmet. „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ läuft derzeit im Kino.

 

Es ist mehr als 62 Jahre her, dass Vincente Minnelli „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ mit Kirk Douglas in der Titelrolle in die Kinos brachte und dafür gefeiert wurde. Was unterscheidet Ihre Version von dieser Produktion?

SCHNABEL Schon allein die Herangehensweise. Mein Film ist weder eine Dokumentation noch eine Biografie.

 

Sondern?

SCHNABEL Ich habe eine Reise in den Körper und Geist dieses beeindruckenden Menschen unternommen, es ist ein Werk purer Imagination. Die Dialoge basieren auf keinerlei Überlieferung, sondern basieren auf seinen Gemälden.

 

Als Ko-Autor holten Sie sich keinen Geringeren als Jean-Claude Carrière, der 19 Jahre lang mit dem großen Luis Buñuel eng zusammenarbeitete.

SCHNABEL Ich bin ein Riesenfan von Buñuel und daher auch von Carrière. Ich sagte: „Du musst unbedingt mit mir am Drehbuch zu meinem neuen Film arbeiten, es geht um Vincent van Gogh.“ Ich schleppte ihn in eine Ausstellung, stellte ihn vor verschiedenste Van-Gogh-Bilder und bat ihn: „Stell dir vor, was der Maler dir jetzt auf dem Weg über sein Bild sagen würde!“ So entstanden viele Dialoge des Films, fern jeder Biografie. Statt dessen dachten wir uns Szenen aus, die sich so abgespielt haben könnten, aber natürlich in keinem Geschichtsbuch zu finden sind.

 

Zwei so starke Persönlichkeiten für ein Drehbuch – ist das immer gut gegangen? Hat Carrière das Endprodukt gefallen?

SCHNABEL Anfangs hat er ein paar Mal gemeckert. Doch nun haben wir den Film bereits zum fünften Mal gemeinsam gesehen, und jedes Mal gefiel er ihm besser.

 

Die Hauptrolle spielt Willem Dafoe. Eine ganz eigene Sache?

SCHNABEL Sie meinen, dass van Gogh 37 war, als er starb, und dass Dafoe 63 ist? Das entpuppte sich nur im ersten Moment als Diskrepanz. Denn van Gogh sah schon in jungen Jahren sehr ausgezehrt und mitgenommen aus. Willem hat das großartig hingekriegt, und kein Mensch würde nach Ansicht des Films eine Frage nach dem Alter stellen.

 

Wäre dieser Film ohne Willem Dafoe überhaupt möglich gewesen?

SCHNABEL Nein. Doch wir fanden sehr leicht zueinander. Als er nämlich erfuhr, dass ich einen Van-Gogh-Film drehen wollte, ließ er mich schnell wissen: „Ich muss dabei sein!“

 

Einfach haben  Sie es ihm jedoch nicht gemacht?

SCHNABEL Jean-Claude Carrière und ich haben uns immer wieder aufgerafft, an Plätze zu fahren, wo van Gogh gewirkt hat. Dort entstanden viele Dialoge. Also hat sich auch Willem die Mühe machen müssen, durch Besuch der Schauplätze – plus Lektüre – in das Unternehmen einzusteigen. Und ich ordnete auch an, dass er regelmäßig Kleidung und Schuhe wie van Gogh tragen sollte.

 

Auch Kameramann Benoit Delhomme hatte es nicht ganz leicht bei Ihnen?

SCHNABEL Sie spielen darauf an, dass ich ihn nach Schottland schickte, um ein Weizenfeld zu filmen, weil es bei uns zu dieser Jahreszeit nicht mehr möglich war. Ja, und ich bat auch ihn, dabei auch die Klamotten von van Gogh und dessen Strohhut zu tragen und so zu filmen, als ob er selbst van Gogh wäre. LH