Prinz Harrys Wandlung vom Enfant Terrible zum Familienvater

01.05.2019 • 13:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Geburt des ersten Kindes von Prinz Harry und seiner Ehefrau Meghan steht unmittelbar bevor. Fotos: AP
Die Geburt des ersten Kindes von Prinz Harry und seiner Ehefrau Meghan steht unmittelbar bevor. Fotos: AP

Vom rebellischen Teenager zum modernen Familienmenschen. Prinz Harry von Wales ist bei den Briten beliebter denn je.

London Auf dem Weg zu Vaterpflichten hat das einstige Enfant Terrible der britischen Royals noch seine Großmutter hinter sich gelassen. Im vergangenen Jahr überholte Prinz Harry mit seinem schelmischen Lächeln sogar Queen Elizabeth II. als beliebtestes Mitglied der britischen Königsfamilie. Die unmittelbar bevorstehende Geburt seines ersten Kindes mit seiner Frau Meghan könnte Harrys Wandlung zum modernen Familienmenschen vollenden.

Selbstbewusstsein, Humor und eine lebenslustige Persönlichkeit – das sind nach den Online-Umfragen britischer Meinungsforscher die Qualitäten, die die Öffentlichkeit Harry zuschreibt. Der jünger Sohn von Thronfolger Charles und seiner Frau Prinzessin Diana war einst die sprichwörtliche Reserve für seinen älteren Bruder Prinz William. Doch als er am 15. September 1984 geboren wurde, stand die Ehe seiner Eltern schon auf der Kippe. Als sie sich trennten, war Harry acht.

Der Prinz wuchs von einem verlorenen Kind im Palast zu einem rebellischen Teenager heran. Kameras fingen jeden Fehltritt seines schwierigen Erwachsenwerdens ein. Doch sie waren auch dabei, wenn er sich als Armeeoffizier für Soldaten einsetzte, zeigten ihn, als er Hilfsorganisationen besuchte, mit Kindern spielte oder sie tröstete und schließlich mit Bart und in Uniform vor dem Traualtar stand.

Seine Natürlichkeit im Umgang mit jungen Menschen macht deutlich, dass er sich auf eigenen Nachwuchs freut. Und inzwischen spiegelt sein stilles Lächeln, wann immer er mit seiner 37-jährigen Frau Meghan in der Öffentlichkeit auftritt, sein Glück.

Damit schließt sich der Zyklus aus Niedergang, Neuanfang und Erlösung für diese privilegierte und gleichzeitig fehlbare Familie, in die er als Seine Königliche Hoheit Prinz Henry von Wales hineingeboren wurde. In den vier bitteren Jahren vor der Scheidung räumten sowohl Vater Charles als auch Mutter Diana außereheliche Affären ein: Charles mit einer verheirateten Frau, mit der er bereits vor seiner Hochzeit mit Diana eine Beziehung hatte – Camilla Parker-Bowles. Seit 2005 ist sie seine zweite Ehefrau und Williams und Harrys Stiefmutter. Diana hatte eine Affäre mit ihrem Reitlehrer, einem Armeeoffizier.

Die Folgen von Dianas Tod

Als Diana 1997 auf der Flucht vor Paparazzi bei einem Autounfall in Paris starb, war das für Harry ein unvorstellbarer Verlust. Millionen Menschen weltweit verfolgten die Beerdigung und sahen seinen Schmerz: Das Bild des zwölfjährigen Harry mit steinernem Gesicht hinter dem Sarg seiner Mutter brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein.

In einem Interview bestätigte Harry, Dianas Tod und die Folgen hätten ihn auf einen destruktiven Weg gebracht. „Meine Mutter war gerade gestorben, und ich musste einen langen Weg hinter ihrem Sarg gehen, umgeben von Tausenden Menschen, die mich beobachteten, und Millionen am Fernseher“, sagte er dem Magazin „Newsweek“ zum 20. Todestag seiner Mutter. „Ich denke, dass dies keinem Kind zugemutet werden sollte, unter keinen Umständen. Heute würde das wahrscheinlich nicht passieren.“

Er sei wütend und ziellos gewesen, als er versuchte, aus den königlichen Zwängen auszubrechen, das „normale Leben“ zu führen, das seine verstorbene Mutter ihren Söhnen hatte nahebringen wollen. Als junger Erwachsener musste sich Harry öffentlich für grobe Späße entschuldigen, die für seine Schul- und Soldaten-Freunde normal waren, ihm jedoch peinliche Berichte in den Boulevardzeitungen einbrachten.

In einer Erklärung bestätigte der Palast, Harry habe mehrmals Marihuana geraucht. Bei einer Kostümparty wurde er im Nazi-Outfit fotografiert, auch rassistische Äußerungen wurden bekannt. 2012 gab es Fotos vom Strip-Billard in Las Vegas – nackt und mit weiblicher Begleitung. Harry galt als Party-Prinz, der keine Grenzen kennt.

Offener Umgang mit Dämonen

In den vergangenen zwei Jahren machte Harry am Beispiel seiner eigenen Erfahrungen psychische Probleme öffentlich und forderte bessere Behandlungsmöglichkeiten in Großbritannien. Seine Bereitschaft, öffentlich über seine Dämonen zu sprechen und die königliche Tradition der steifen Oberlippe aufzugeben, steigerte seine Beliebtheit bei den Briten.

Im Kampf gegen das Stigma psychischer Erkrankungen sagte er 2017 in einem Interview mit dem „Daily Telegraph“, er habe in den fast 20 Jahren nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter alle Gefühle unterdrückt, sei „sehr nahe an einem völligen Zusammenbruch“ gewesen und habe wiederholt kurz davor gestanden, jemanden zu schlagen. Nur durch eine Therapie, die er auf Drängen seines Bruders William begann, habe er seine unterdrückte Trauer über den Tod seiner Mutter verarbeiten können und als Ventil für seine Aggressionen mit dem Boxen begonnen.

Diese Offenheit ist nicht der einzige Grund für Harrys wachsende Popularität. In seinen zehn Jahren in der Armee diente er zwei Mal in Afghanistan, einmal als Hubschrauberpilot. Danach rief er zielstrebig und ohne Skrupel, seine königlichen Beziehungen zu nutzen, die Invictus Games ins Leben – einen Wettbewerb im Stil einer Olympiade für versehrte und behinderte Militärangehörige.

Erster Auftritt mit Meghan

Bei den Invictus Games 2017 in Toronto trat er erstmals öffentlich mit Meghan Markle auf, einer geschiedenen US-Schauspielerin. Das Paar küsste und kuschelte vor den Kameras, die Harry so lange verhasst waren. Als sie den Wettbewerb ein Jahr später als Frischverheiratete in Sydney besuchten, erwähnte Harry Meghans Schwangerschaft sowohl bei der Eröffnungs- als auch bei der Schlusszeremonie. Harry hatte seinen Gefühlspanzer abgelegt und war zu einem einfühlsamen Mann geworden.

Doch bei der Verteidigung seiner geliebten Frau blitzt immer wieder Wut auf. Seine rebellische Seite ist nicht verschwunden, sondern Teil dessen geworden, was seine Fans fasziniert. In den vergangenen Tagen kündigte das Paar an, sie würden das Neugeborene nicht gleich am ersten Tag öffentlich vorstellen – ein Brauch, den seine Eltern noch achteten und dem auch sein Bruder William gefolgt ist. Auch die Spekulationen, ob ihr Kind zuhause im Frogmore Cottage nahe Schloss Windsor zur Welt kommen soll, wollte das Paar nicht kommentieren. AP

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