Auf den Spuren von Hitchcock

Menschen / 25.07.2019 • 20:41 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Im neuen Film mit Juliette Binoche werden Stück für Stück die Geheimnisse ans Licht gebracht.

BERLIN Sie ist jetzt 55 und fleißiger denn je. Ihr neuester Film, „So wie du mich willst“, war einer der schwierigsten ihrer imponierenden Karriere, die ihr einst auch einen Oscar bescherte. Frankreichs Topstar Juliette Binoche war auch Jury-Präsidentin der Berlinale.

 

„So wie du mich willst“sei laut „Variety“ ein „fiebriges Hitchcocksches Melodram“. Richtig?

Binoche Grundlage war ein sehr erfolgreicher Roman von Camille Laurens, den ich mit starkem Interesse gelesen habe. Unser Regisseur Safy Nebbou hat daraus mit Julie Peyr ein Drehbuch entwickelt. Er meint, man könne die Geschichte als böse Komödie, aber auch als Drama sehen. Und ebenso als Thriller. Die Geschichte spielt auch mit dem Publikum, das ja dazu tendiert, zu glauben, was es glauben möchte.

 

Wie hat Safy Nebbou die Story konstruiert?

Binoche Wie einer dieser berühmten russischen Puppen, die man Matroschka nennt. Man öffnet sie und zieht eine kleinere Puppe raus. Und so geht es weiter. Nach und nach enthüllen sich alle Geheimnisse.

 

Jedenfalls eine Mordsaufgabe für eine Schauspielerin, denn das Pendeln zwischen einer 50-Jährigen und einer halb so alten Frau ist hier ja sehr wesentlich. Für Sie eine völlig neue Aufgabe?

Binoche Nicht ganz. Denn schon in „Die Wolken von Sils Maria“ von Olivier Assayas, in „Die Liebesfälscher“ von Abbas Kiarostami und „Code: Unbekannt“ von Michael Haneke spielte ich Figuren zwischen Realität und Fiktion. Doch ja: Claire und Clara zu verkörpern, war schon was Besonderes. Letztendlich wählt man aber den Beruf einer Schauspielerin, um solche Aufgaben zu meistern. Ich persönlich liebe es, wenn mich bereits das Lesen eines Drehbuches in Erstaunen versetzt. Und speziell ziehen mich Gefahren immer an.

 

Können solche Gefahren auch echt gefährlich werden?

Binoche Zugegeben: ja. Denn Figuren wie Claire und Clara erlauben einem jeweils auch, Neues in sich selbst zu erkunden. Und die Idee, sich selbst in Gefahr zu begeben und Unbehagen zu spüren, kann man oft nicht vom künstlerischen Prozess trennen. Besonders Claire gehörte zu den Rollen, bei denen ich fürchtete, meinen Halt zu verlieren, weil sie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter provozierte. Um sich letztendlich davon zu befreien, muss man bereit sein, ganz auf den Boden der Wahrheit zu tauchen. Hat man es geschafft, kann man sich zurücklehnen und entspannt sagen: Na und?

 

Facebook spielt im Film eine wichtige Rolle. Was halten Sie von Facebook?

Binoche Es schaut anfangs sicher aus, ist es aber nicht. Claire begibt sich mit Hilfe von Facebook in ein künstliches Leben. Das funktioniert aber nicht, sie ist plötzlich in ihrer Illusion gefangen und kann ihr nicht mehr entfliehen.

 

Facebook kann also geradewegs in eine Hölle der Lügen führen.

Binoche Sie zählen für mich zu den schlimmsten Dingen. Deshalb habe ich nie ein Facebook-Profil eröffnet. Sicher auch aus Angst. Im Leben wollen wir doch immer unseren Schmerzen entfliehen. Da ist Facebook verlockend. Die neuen Mittel der Kommunikation entführen uns eine Welt, die uns vermeintlich freier macht, sie regen unser Verlangen an. Zugleich machen sie uns aber abhängiger und führen oft dazu, dass wir unser eigenes Grab graben. Angst habe ich in diesem Sinne um die jüngere Generation.

 

Aber auf Instagram findet man Sie?

Binoche Das scheint mir die bessere Variante. Man kann interessante Informationen teilen und ebenso sinnvolle Aktionen ohne Zeitverschwendung starten. Freilich ist das Auftauchen von Perversionen auch dort möglich. Aber wenn ich diesen Verdacht habe, klinke ich mich aus.

 

Der Film schneidet auch die Frage des Alterns an?

Binoche Das ist auch ein Hauptthema in den Frauenmagazinen. Wenn deren Inhalt für die Leserinnen nicht interessant wäre, würde sie ja niemand kaufen. Und da wird einem oft auch der Weg zur „ewigen Jugend“ angepriesen. Mittels Kleidung, mittels Kosmetik und so weiter. Dafür eine Obsession zu entwickeln, kann bei Frauen am Ende zu Schuldgefühlen führen. Aber was soll eine 50-Jährige machen, die von ihrem Mann plötzlich verlassen wird. Für eine halb so alte Frau? Ist es ein Wunder, wenn sie plötzlich traumatisiert ist? Es gibt nur einen Weg – sich davon zu befreien. Wenn man das nicht kann, kommt man nicht vom Fleck und leidet. Und davon handelt „So wie du mich willst“.

 

Glauben Sie an die wahre Liebe?

Binoche An dieses bedingungslose Gefühl, das zwei Menschen verbindet, und das auch weiter besteht, wenn man körperlich älter wird? Ja, daran glaube ich. Schon allein, weil wirkliche Schönheit nicht das ist, was uns von Publicity vorgegaukelt wird. Und ich bitte Sie: Cellulitis haben ja auch schon Babies. . .

 

Was bedeutet für Sie dann Sex? „Der hat in meinem Leben keine Priorität“, haben Sie einmal gesagt, „ich will lieber begehrt werden“?

Binoche Dazu stehe ich nach wie vor.

 

Mit weiblichen Hauptfiguren um die 50 sieht es auch im französischen Film nicht besonders gut aus?

Binoche Da haben Sie recht. Solche Frauen sind auf der Kinoleinwand völlig unterrepräsentiert. Es gibt sie höchstens in acht Prozent der jährlich anlaufenden französischen Produktionen. Aber immerhin gibt es immer mehr weibliche Regisseure. Das ist sicher ein Fortschritt. Was jedoch mich betrifft, möchte ich betonen: Ich beurteile bei Angeboten nicht, ob das vielleicht ein Frauenfilm ist. Mir geht es vielmehr darum, ob es ein guter Film ist.

 

Sie selbst hatten aber wohl nie altersbedingte Sorgen?

Binoche Vielleicht, weil ich von Anfang an meine Palette kontinuierlich erweitert habe. Weil ich neugierig bin und interessante Begegnungen liebe. Weil ich die Faszination der Filmkamera erkannt habe. Sie öffnet dir einen Weg zu einer Wahrheit, die viel größer ist als das Leben. Filmen öffnet dir den Weg zu neuen Dimensionen. Ich bin mit meinen Rollen gewachsen. Ja, das fühle ich. Und ich denke, ich bin sehr privilegiert. lh