Sorgloser Rockmusiker

Menschen / 07.08.2019 • 21:16 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Zehn Jahre nach der Trennung von Oasis hat sich Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds auch musikalisch von Oasis losgesagt. Reuters
Zehn Jahre nach der Trennung von Oasis hat sich Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds auch musikalisch von Oasis losgesagt. Reuters

Noel Gallagher bleibt trotz Klimawandel, Brexit und Terroranschlägen gelassen.

London Soeben veröffentlichte der frühere Oasis-Gitarrist Noel Gallagher mit seiner Band Noel Gallagher‘s High Flying Birds die neue Single „This Is The Place“. Im September kommt die zweite von drei EPs, die der 52-Jährige in diesem Jahr veröffentlicht. Im dpa-Interview erzählt Gallagher, warum ihn Terror, Klimawandel und Brexit nicht aus der Ruhe bringen, und erklärt, wie er sich von Oasis abgrenzt.

 

Spüren Sie Druck, wenn Sie Musik machen, oder Druck, überhaupt Musik machen zu müssen?

Gallagher Vielleicht unbewusst. Ich weiß es nicht, weil ich nicht genug darüber nachdenke, was ich tue, um mir über sowas Sorgen zu machen. Ich bin an einem Punkt, wo ich das lange genug mache. Ich war in einer der größten Bands aller Zeiten, und das ist jetzt vorbei. Nun genieße ich es einfach. Ich mache das, worauf ich Lust habe.

 

Wenn Sie Musik mit Ihren High Flying Birds machen, versuchen Sie sich musikalisch von Oasis abzugrenzen?

Gallagher Das passiert Stück für Stück. Mein erstes Soloalbum hatte Oasis-Elemente, weil ich einige der Songs für das nächste Oasis-Album geschrieben hatte. Aber nach und nach habe ich das aus meinem System bekommen, es abgeschüttelt. Das Witzige daran ist: eigentlich muss ich nur die Gitarren weglassen, damit es nicht nach Oasis klingt.

 

Was haben Sie empfunden, als die Menschen wenige Tage nach dem Terroranschlag in ihrer Heimatstadt Manchester 2017 auf der Straße den Oasis-Song „Don‘t Look Back In Anger“ gesungen haben?

Gallagher Das ist ein tragisches Kapitel, von dem man sich wünscht, dass es nie passiert wäre. Es ist natürlich schön, dass ein Song, den du vor 20 Jahren geschrieben hast, die Leute zusammenbringt. Aber mir wäre lieber, es wäre nie dazu gekommen.

 

Terroranschläge, Klimawandel – sorgen Sie sich um die Welt?

Gallagher Nein, ich mach mir keine Sorgen um die Welt. Es wird vielleicht etwas heißer. Und wir verlieren womöglich den Eisbär. Aber Sorgen um die Welt mache ich mir nicht. Die Welt ist in Ordnung, nur die Leute, die das Sagen haben, nicht.

 

Und wie steht es um Ihre Heimat Großbritannien?

Gallagher Es gab so viel Hysterie wegen Brexit und so. Sorgen mache ich mir aber keine. Wir haben tolle Leute hier, die tolle Sachen machen, eine großartige Kultur. Wenn der Brexit kommt, wird es eine Zeit lang schwierig, das ist unausweichlich. Aber ich glaube, irgendwann wird wieder alles so sein, wie es mal war. Ist es gut, dass das passiert? Nein! Ist es nicht, denn in der Zeit, in der über Brexit gestritten wurde, hätten wir andere Dinge machen können. Aber es wird schon werden.

 

Über die Jahre haben sie sich mit vielen Leuten öffentlich angelegt. Bereuen Sie manchen Streit?

Gallagher Ja, einigen. Ich habe nie etwas bereut, was ich gemacht habe, aber vieles, was ich gesagt habe – das meiste wohl in den 90er Jahren. Ich war in den 90ern fast nur betrunken und nicht haftbar für irgendwas, das ich gesagt habe. Wenn man mir blöde Fragen stellt, gebe ich blöde Antworten – und am Ende hab ich jemanden beleidigt. Aber heute ist es auch ziemlich leicht, jemanden zu beleidigen. Die Leute sind so verdammt empfindlich heute. Es ist, als würde die ganze Gesellschaft nur darauf warten, beleidigt zu sein.

 

Sie haben oft davon gesprochen, dass Sie einer Arbeiterfamilie entstammen. Sind Sie trotz des Ruhms noch derselbe Typ wie früher?

Gallagher Das bin ich, weil ich für meinen Lebensunterhalt arbeite. Meine Kinder werden nicht zur Arbeiterklasse gehören. Warum sollten die arbeiten? Ich mach das, damit sie es nicht müssen. Es ist andere Arbeit als früher, aber ich sitze nicht rum. Niemand schreibt die Songs für mich. Niemand spielt die Konzerte. Niemand gestaltet das Artwork. Ich hab mein eigenes Label und bringe meine eigenen Platten raus. Ich krieg das nicht auf dem Tablett serviert. Insofern gehöre ich immer noch zur Arbeiterklasse.

 

Wo stehen Sie mit 52 Jahren? Sind Sie mit sich im Reinen?

Gallagher Jeder hat gute und schlechte Tage. Aber auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich sagen, dass ich täglich etwa eine 8,5 erreiche. Das ist verdammt gut. Wenn du mit über 50 nicht mit dir im Reinen bist, dann hör mal: Was hast du dein ganzes Leben gemacht?