Uramerikanische Rock-Ikone: „The Boss“ wird 70

Menschen / 22.09.2019 • 21:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Für 2020 hat Bruce Springsteen ein neues Album in Aussicht gestellt.

Berlin Nur wenige Rockmusiker sind so bedeutsam, dass ihre Songtexte zwischen Buchdeckel gepresst werden. Bruce Springsteen, der heute 70 Jahre alt wird, hat – wie auch Literaturnobelpreis-Träger Bob Dylan – diesen Ritterschlag schon zu Lebzeiten erhalten. Seit dem Jahrhundertsong „Born To Run“ (1975) findet Springsteen die richtigen Worte – übrigens auch für politische Kritik, etwa an Polizeigewalt und Rassismus in „American Skin (41 Shots)“.

Der kürzlich erschienene 100-Songtexte-Band „Like a Killer in the Sun“ zementiert den Ikonen-Status eines Mannes, den Millionen Fans respekt- und liebevoll „The Boss“ nennen. Fast gleichzeitig lief im August der auf einer wahren Geschichte basierende Film „Blinded By The Light“ in den Kinos. Denn das ist die zweite Seite des neben Paul McCartney derzeit wohl berühmtesten Rocksängers der Welt: Die mitreißende, auch mal bombastische Musik macht seinen Reiz ebenso aus wie die oft an großes Kino erinnernde Songpoesie.

Der Singer-Songwriter aus dem US-Bundesstaat New Jersey bietet das ideale Gesamtpaket. So ideal, dass Springsteen in einer gut 45-jährigen Karriere geschätzte 130 Millionen Tonträger verkaufen konnte, 50 Mal für den Grammy nominiert wurde und ihn 20 Mal gewann. „Ich komme aus einem Küstenstädtchen, in dem fast alles einen leichten Anstrich von Lug und Trug hat. Genau wie ich.“ So lauten die ersten Worte in der oft schonungslos ehrlichen Autobiografie „Born To Run“ (2016). Springsteen – am 23. September 1949 in eine italienisch-irische Arbeiterfamilie hineingeboren – tut gar nicht erst so, als hätte er auch nur einen Teil seiner Song-Storys vom kleinen Mann am eigenen Leib erlebt: Er sei ja stets Musiker gewesen.

Aber „ein loderndes Feuer in dir“, das müsse halt immer da sein, um es als junger Gitarrist und Bandleader aus der tiefsten US-Provinz an die Spitze zu schaffen – und sich dort zu halten. Dieses Feuer gefiel auch Jon Landau – einem Journalisten, der 1974 über den damals noch unbekannten Musiker schrieb: „Ich sah die Zukunft des Rock‘n‘Roll, und sein Name ist Bruce Springsteen.“ Landau wurde Manager des noch ungeschliffenen Diamanten. Ein Jahr später kam  „Born To Run“ heraus, eine der besten Rockplatten aller Zeiten. Dieses Album mit der noch jungen E Street Band ermöglichte den Durchbruch in die Superstar-Liga.

Ruhigere Jahre

Es folgten „Darkness On The Edge Of Town“ (1978), „The River“ (1980) und das als platt patriotisch missverstandene „Born In The U.S.A.“ (1984). In den 90er-Jahren wurde es ruhiger. 1991 heiratete er die Sängerin Patti Scialfa, mit der er drei inzwischen erwachsene Kinder hat. Seine nächste große Stunde als Songwriter schlug 2002, kurz nach den Terroranschlägen in den USA. Mit dem Album „The Rising“ schaffte Springsteen das Kunststück, die Trauer einer zutiefst verletzten Nation in emotionalen, kitschfreien Liedern ohne Rachegefühle zu bündeln.

Bis heute ist Springsteen ein (staunenswert gut durchtrainierter) US-Volksheld geblieben, der seine linksliberale Haltung auch mal mit Wahlhilfe für die Demokraten zeigt. „Ich bin der Präsident – aber er ist der Boss“, sagte Barack Obama 2009 bei einer Ehrung für seinen Freund Bruce. Überraschender als dieses Lob des ersten schwarzen US-Präsidenten war für die meisten Leser der Autobiografie, wie sehr Springsteen unter Depressionen litt und was er manchen Mitmenschen deswegen zeitweise zumutete. Trotz dieser lange kaum bekannten Probleme blieb Springsteen als Künstler immer integer, mit starken Alterswerken wie „Devils And Dust“ (2005), „Wrecking Ball“ (2012) und der jüngst auf Platz 1 der Albumcharts gesprungenen grandiosen Folkpop-Platte „Western Stars“. Einen weiteren Triumph erlebte „The Boss“ 2017/18 bei über 230 ausverkauften Shows im Walter Kerr Theatre am Broadway, wo er zu Gitarre, Piano und Mundharmonika über sein Leben sang oder erzählte.