„Eine Zeit, die mich fassungslos machte“

Menschen / 10.12.2019 • 22:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Alles außer gewöhnlich“ war heuer Abschlussfilm beim Festival in Cannes und läuft als Weihnachtsprogramm in unseren Kinos. pandafilm
„Alles außer gewöhnlich“ war heuer Abschlussfilm beim Festival in Cannes und läuft als Weihnachtsprogramm in unseren Kinos. pandafilm

Vincent Cassel spielt Hauptrolle in “ Alles außer gewöhnlich“.

Berlin Mit seinem Mega-Hit „Ziemlich beste Freunde“ schaffte das französische Regie- und Drehbuch-Duo Eric Toledano und Olivier Nakache ein Einspielergebnis von 300 Millionen Euro. Ihr neuester Streich, „Alles außer gewöhnlich“ läuft als Weihnachtsprogramm in unseren Kinos. Hauptdarsteller ist der französische Filmstar Vincent Cassel.

 

Toledano und Nakache lassen ihre Geschichte diesmal in einem Milieu spielen, das man kaum im Kino erlebt, nämlich bei Vereinen, die sich auf die Aufnahme und Integration autistischer Kinder und Jugendlicher spezialisiert haben. Wie sind Sie als Hauptdarsteller ins Spiel gekommen?

VINCENT CASSEL Bei beiden Herren genieße ich größte Wertschätzung – haben sie gesagt. Sie haben bei mir angeklopft und mir von ihrem Projekt erzählt, meinten aber, sie hätten leider noch kein Drehbuch. Ich habe mir das Ganze ein paar Stunden durch den Kopf gehen lassen, dann meldete ich mich bei ihnen: „Ihr braucht mir kein Drehbuch mehr zu schicken. Ich bin dabei!“

 

Wie haben Sie sich vorbereitet?

CASSEL Man muss zunächst wissen, dass Eric und Olivier schon lange beste Kontakte zu Stéphane Benhamou und Daoud Tatou haben, die beiden leiten die Organisationen „Le Silence des Justes“ und „Le Relais Ile-de-France“. Vor vier Jahren erhielten die zwei Filmemacher vom Fernsehsender Canal+ eine „Carte Blanche“ für die Produktion einer 26-Minuten-Dokumentation. Sofort war ihnen klar, dass sie ins ihnen bereits vertraute Autisten-Milieu gehen würden, und die Doku erhielt den Titel „Man müsste einen Spielfilm daraus machen“. Ja, und das ist nun tatsächlich geschehen.

 

Und Ihre Vorbereitungen?

CASSEL Ich bin im Film ein Mann namens Bruno, der die eine Organisation leitet. Die Figur ist natürlich an Stéphane Benhamou angelehnt. Mein Kollege Reda Kateb ist Malik, und der wieder die Verkörperung von Daoud Tatou. Wir haben vor Drehbeginn viele Wochen bei den Autisten und ihren Betreuern verbracht. Eine Zeit, die mich fassungslos, aber auch sehr bestürzt machte. Mir kamen immer wieder die Tränen. Ja, ich habe oft geheult.

 

Beim Filmen auch?

CASSEL Ich musste mich echt am Riemen reißen. Bevor ich zu einer echten Heulsuse wurde, galt es mich einzubremsen. Sonst hätte ich ja die autistischen Menschen rund um mich mutlos gemacht, dabei sollte ich ihnen ja Hoffnung geben. Vielleicht hatte ich zuvor auch Angst, dass ich mit zu viel Angst an meine Aufgabe als Erzieher Bruno rangehen würde. Hatte ich doch in den meisten meiner Filme Charaktere gespielt, die gegen etwas waren. Der satirische, ironische oder gar böse Blick auf die Gesellschaft war immer das Meine, so was kann man am besten auf zynische Art darstellen. Auf einmal aber stand ich vor einer völlig neuen Herausforderung: Ich sollte für etwas sein. Diese Rolle war eine Lektion in Menschlichkeit. Ich bewundere die beiden Filmemacher, dass sie dieses Potenzial in mir sahen. Ich habe es selbst nicht gekannt.

 

Sie sind im Film als Bruno Jude, Ihr Partner Malik ist Moslem. Es gibt in Ihrem Verhältnis nie religiöse Konflikte.

CASSEL Religion kommt im Film nur in dem Maß vor, in dem sie in den beiden Organisationen eine Rolle spielt. Und dort spielt sie fast keine, weil alle hauptsächlich damit beschäftigt sind, Menschen zu helfen. Und da bleibt in der Tat keine Zeit für stumpfsinnige Streitereien.

 

„Alles außer gewöhnlich“ folgt dem Rezept von „Ziemlich beste Freunde“.

CASSEL Eric Toledano hat darüber einen sehr schönen Satz geprägt. Er sagt: „Komödie bedeutet für mich oft so viel wie kostümierte Traurigkeit“. Im Original betitelt sich der Film „Hors normes“, also „Außerhalb der Normen“. Humor zu produzieren sei auch eine Sache außerhalb der Normen. LH

„Alles außer gewöhnlich“, war heuer Abschlussfilm beim Festival in Cannes und läuft als Weihnachtsprogramm in unseren Kinos. PandaFilm
„Alles außer gewöhnlich“, war heuer Abschlussfilm beim Festival in Cannes und läuft als Weihnachtsprogramm in unseren Kinos. PandaFilm