Ein verborgenes Leben

Menschen / 28.01.2020 • 22:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
August Diehl mit Filmpartnerin Valerie Pachner. AP
August Diehl mit Filmpartnerin Valerie Pachner. AP

Wenn jemand im Dritten Reich Nein! sagt.

berlin Der Ruf des Regisseurs Terrence Malick als „Poet des Kinos“ basiert auf relativ wenigen Spielfilmen. Der neueste, „Ein verborgenes Leben“, erzählt die Geschichte des Österreichers Franz Jägerstätter, der den Kriegsdienst in Hitlers Wehrmacht verweigerte und von den Nazis 1943 in Brandenburg hingerichtet wurde. Die Jägerstätter-Rolle hat einer der profiliertesten deutschsprachigen Schauspieler übernommen: August Diehl.

 

Derzeit spielen Sie wieder Theater. Ab 16. Jänner wirken Sie, im Berliner Ensemble, in Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ mit. Ende des Monats haben Sie mit „Ein verborgenes Leben“ in Deutschland und Österreich Kinopremiere. Wie meistern Sie diesen Spagat Theater – Film?

DIEHL Es ist in der Tat schwierig, beides zusammenzubringen. Ich mache Film wahnsinnig gerne, aber bei einer Theaterarbeit lerne ich so viel wie normalerweise bei vier Filmen. Allgemein gilt: Ich erzähle gerne Geschichten und lese auch gerne vor.

 

In Kürze läuft in unseren Kinos „Ein verborgenes Leben“ an. Wie sind Sie mit Terrence Malick, der als nicht unbedingt einfach gilt, zusammengekommen?

DIEHL Meine Filmpartnerin Valerie Pachner und ich wurden zu einem Casting gebeten. Eines Tages erhielt ich einen Anruf: „Du hast die Rolle!“ Mein erstes Gespräch mit Terrence führte ich in einem Hauseingang bei starkem Regen. Es dauerte 45 Minuten. Wir redeten über alles Mögliche, und ich erfuhr, dass er in Ottawa/Illinois auf dem Land aufgewachsen war. Er erzählte mir faktisch sein ganzes Leben.

 

Und wie war es dann mit ihm?

DIEHL Mit einem einzigen Wort – wunderschön. Es war ein langer Prozess, der nicht aufgehört hat, der noch bis heute nachwirkt. Der Dreh selbst? Eigenwillig vielleicht, aber nicht schwierig. Terrence ist einer, der Vertrautheit und hohe Qualität schafft, einen unglaublich zur Mitarbeit einlädt. Ein ganz ungewöhnlicher Mensch.

 

Haben Sie, bevor Sie für „Ein verborgenes Leben“ engagiert wurden, überhaupt etwas über Jägerstätter gewusst?

DIEHL Nein, im Gegensatz zu meiner Kenntnis von den Geschwistern Scholl und der „Weißen Rose“. Als ich mich dann mit ihm beschäftigte, erkannte ich, dass er gar nicht so stark aktiv war, sondern dass es ihm um Verweigerung ging. Es ist bemerkenswert, dass sein Nein einen solchen Domino-Effekt hatte. Es ist ganz stark, dass jemand sagt: ‚Ich finde das falsch! Mit mir nicht!’ Das ist die leiseste Form von Widerstand, und dennoch wird es auf einmal politisch. Franz Jägerstätter war auf keinen Fall einer, der erklärte: „Ich will ein Held werden!“

 

Dieses Nein scheint Ihnen besonders interessant?

DIEHL Wenn jemand „nein“ sagt, ist die damit verbundene Frage: Wie stark ist unser Gewissen? Wenn alle andere mitmachen, wie stark muss das Gewissen sein, um „nein“ zu sagen? Denn dann kommt ja auch der Moment, wo die anderen wütend werden, weil sie vom Gegenteil überzeugt sind. Ich empfehle übrigens auch, Franz Jägerstätters Briefe zu lesen, weil der Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau Franziska ist ein starkes Zeugnis ist, wie zwei Menschen zueinander stehen. In den Briefen aus dem Gefängnis kommt noch immer stark durch, dass er ein Bauer ist, und dass er eine sehr enge Beziehung zu seinem Heimatort St. Radegund hat. Deshalb hat unser Film auch sehr lange den Titel „Radegund“ gehabt.

 

Wie sehen Sie die Rolle der Kirche im Dritten Reich?

DIEHL Ich habe das Gefühl, dass der jetzige Papst die Kirche, die schon sehr abgehoben war, den Gläubigen wieder näher bringen möchte. Im Dritten Reich war ihre Rolle in der Tat nicht sehr rühmlich, und so wurde der Vatikan zum leichtesten Gegner Hitlers. Und damit komme ich zurück zu Franz Jägerstätter. Wenn einer stark gläubig ist, so ist dies wie Musik, so ist es leichter zu verstehen, wenn er sagt: „Nein, das kann ich nicht tun!“. LH