Bilgeri: „Das Wort Pension gibt’s in meinem Vokabular nicht“

Menschen / 23.07.2021 • 09:06 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Bilgeri: „Das Wort Pension gibt’s in meinem Vokabular nicht“
Reinhold Bilgeri (M.) ist mit seiner Band zu Gast am Hohenemser Schlossplatz. BILGERI

Reinhold Bilgeri rockt in seiner Heimatstadt und hat für die Zukunft noch viele Pläne.

Hohenems Eines ist sicher: Reinhold Bilgeris Abschied von der Bühne wird länger dauern als geplant. „Der Abschied dauert vielleicht zehn Jahre“, sagt der umtriebige Musiker, Regisseur und Autor im Interview. Nach längerer, coronabedingter Pause setzt Bilgeri seine Abschiedstournee fort und macht mit seiner Band in seiner Heimatstadt Hohenems halt. Mit den VN sprach er über seine Karriere, die Coronakrise und zukünftige Pläne.

Ihre Konzerte im Rahmen der Abschiedstournee zum 70. Geburtstag mussten wegen Corona pausieren. Hat das etwas an Ihrer Entscheidung geändert?

Nein, der Kampf geht weiter, der Abschied dauert vielleicht zehn Jahre (lacht). Ich denke, wir werden uns diesmal nicht mehr unterkriegen lassen. Wir hatten noch vor der dritten Welle im letzten Herbst drei ausverkaufte Konzerte in Wien und St. Pölten gespielt, bevor alles zugesperrt wurde. Jetzt geht’s wieder weiter und das ist herrlich.

Wie groß ist der Drang nach Rock ‘n’ Roll?

Der Drang war tatsächlich schwer zu bändigen, ich habe halt versucht, die gestauten Energien zu sublimieren und habe einen Roman und die Drehbücher für zwei Filme geschrieben. Aber dass die Tour jetzt gerade mit einem Konzert in meiner Heimatstadt weitergeht, macht mich besonders happy.

Wie schafft man es als Rockmusiker, Filmemacher und Autor so jung zu bleiben?

Durch die Arbeit auf den Feldern, die mir das Liebste sind: Musik, Literatur und Film. Das ist eine sehr beglückende Situation, ein Privileg, das zu tun, was einem am meisten Spaß macht und davon leben zu können. Es ist ein einziges Abenteuer.

Inwiefern haben sich diese drei Tätigkeiten in Ihrer Karriere gegenseitig befruchtet?

Gute Frage. Die gegenseitige Befruchtung ist ein Dauerprozess, man ist überall ein Geschichten-Erzähler, mit Musik, Worten und Bildern. Am innigsten ist diese Verflechtung beim Film, da ist alles unter einem Dach und die Befruchtung am greifbarsten. 

Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie Ihre musikalische Karriere Revue passieren lassen?

Dass ich die letzten 50 Jahre in diesem harten und unwägbaren Geschäft überleben konnte, meine Hits haben mir die Existenz gesichert und waren gleichzeitig auch der Brückenschlag für meine Arbeiten als Filmregisseur und Schriftsteller.

Gibt es etwas, das Sie heute anderes machen würden?

Manchmal habe ich gedacht, ich hätte vielleicht schon in den Siebzigern in den USA sesshaft werden sollen, weil dort die ganz großen Kisten aufgemacht werden. Es hätte auch eine Möglichkeit dazu gegeben, aber andererseits hätte ich meine Frau vielleicht nie kennengelernt und damit das Wichtigste in meinem Leben. Außerdem: Vom kleinen Österreich aus ein paar Songs oder Filme um die Welt zu schicken, das ist kein übles Gefühl.

Können Sie aus der Coronakrise Positives ziehen?

Ganz generell möchte ich, frei nach Welser-Möst, sagen: Ich fürchte unsere Lernkurve ist eher flach, aber der Optimist in mir hofft, im Angesicht der sich häufenden Naturkatastrophen auf ein kollektives Erwachen für den Klimaschutz. Wir haben ja gezeigt, wie diszipliniert wir sein können, wenn es uns an den Kragen geht. Für unsere Kinder und Enkel müssen wir jetzt konsequent kürzertreten, für deren Zukunft, sonst ist das ganze Nachhaltigkeitsgerede nur eine Farce.

Haben Sie heute alles erreicht, was Sie sich vorgenommen haben?

Das Leben eines Künstlers ist eine lebende Baustelle, an der immer gearbeitet wird, wobei hier Arbeiten als Glücksgefühl gemeint ist. Das Wort Pension gibt’s nicht in meinem Vokabular, also tauchen immer wieder neue Wünsche und Ziele auf, die einen wach halten und neugierig. Ich drehe demnächst zwei Filme fürs Fernsehen und werde im Herbst ein Drehbuch für einen Kinofilm einreichen.

Was macht Reinhold Bilgeri mit 80?

Ringo Starr ist gerade 81 geworden und was macht er? Er rockt auf einer Bühne, detto Tom Jones, Mick Jagger, Barbara Streisand usw. Der Rock ‘n’ Roll hat offensichtlich eine neue Spezies Mensch entstehen lassen, die auf den „Ruhestand“ pfeift, weil’s so einen Heidenspaß macht über eine Bühne zu stampfen, ein freies, abenteuerliches Leben zu führen. Ich kenne kein besseres Elixier fürs Immunsystem. Den Jagger hat nicht mal eine Herz-OP gestoppt. Klar, ich werde eines Tages umfallen, aber bis dahin wird gerockt.

Sommernachtskonzert mit Reinhold Bilgeri und Band unter dem Motto „Ländle Night“: Samstag, 24. Juli, 19 Uhr, Schlossplatz Hohenems. Eintritt frei