Schreiben als Therapie

Menschen / 27.07.2021 • 17:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Tanja Scheichl-Ebenhoch spielte in der Musikkapelle „Tritsch-Tratsch“.Scheichl-Ebenhoch
Tanja Scheichl-Ebenhoch spielte in der Musikkapelle „Tritsch-Tratsch“.Scheichl-Ebenhoch

Tanja Scheichl-Ebenhoch (48) verarbeitete ihre Krebserkrankung in einem Buch.

Götzis Gedanken klingen im rhythmischen Klackern der Tastatur. Ähnlich einem Bogen, der einer Geige klangliche Feinheiten entlockt. Es ist die Melodie, die Tanja Scheichl-Ebenhochs Leben spielt. Eine Symphonie in tragischer Tonart. Ein Klangdrama, dessen Noten zu Buchstaben wurden und das den Titel trägt: „Als ich aufhörte zu funktionieren“. Erscheinungstermin ist Ende Juli, und die Präsentation des Debüts der 48-jährigen Götznerin ist auf Freitag, 6. August, im Bundesoberstufenrealgymnasium in Götzis terminisiert.

Prall gefüllter Alltag

Ein großer Moment für die Violinpädagogin und freischaffende Musikerin, die bis vor zwei Jahren mitten im Leben stand. Ein Traum, der in Erfüllung ging, von dem sie bis vor zwei Jahren gar nicht wusste, dass sie ihn träumte. Denn das Leben, das Scheichl-Ebenhoch führt, ist erfüllt, ausgefüllt, prall gefüllt. Zwischen Familie, Schule und Konzerten und ihrem Anspruch, alles perfekt zu machen, ging die zweifache Mutter des Öfteren durch den Alltag. „Ich gebe zu, dass ich manches Mal an der Grenze war“, reflektiert sie die Vergangenheit, die sie als glücklich wahrnahm.

Und plötzlich, im Februar 2019, stieg das Leben auf die Klötze. Wechselte der Beat von Forte auf Pianissimo. Ausgebremst mitten im Unterricht, als sie den Jugendlichen gerade etwas auf ihrer Geige vorspielen wollte. „Ich ertastete einen steinharten, eigroßen Knödel an der linken Schulter, genau dort, wo ich die Geige anlege“, erinnert sie sich zurück, als sei es gestern gewesen. Die Musikerin erschrickt, dachte sofort an ihre Mutter und deren tragische Erkrankung: Lymphdrüsenkrebs. Sie starb 2018.

Tagebucheinträge

Die Diagnose ist für die Vollblutmusikerin ein tiefer Einschnitt. „Ich konnte nichts mehr, nicht musizieren, nicht lesen, … einfach nichts.“ Als öffnete sich der Boden neben ihrem Krankenbett, fiel Scheichl-Ebenhoch in ein tiefes Loch. Schlug ganz unten auf. Kämpft zusätzlich zur Krebserkrankung mit einer Angststörung und Depressionen. Bis die meditativen Flashbacks ihres bisher guten Lebens ein Licht der Hoffnung entzündeten. „Ich hab immer gerne geschrieben“, fällt ihr ein und sie überlegt: „Vielleicht geht ja schreiben.“ Tatsächlich: Schrei­ben gelingt ihr, und die kreative Patientin beginnt mit Notizen ähnlich einem Tagebuch. Buchstabe für Buchstabe, Seite für Seite schreibt sie sich zurück ins Leben. 296 Seiten sind es geworden, eine Geschichte um die Protagonistin Anna S., erzählt als eine Parabel ihrer eigenen Erlebnisse.

Scheichl-Ebenhoch hat den Rhythmus im Blut. Auch den des Erzählens. Ihr Ehemann ermutigte sie, das Manuskript an verschiedene Verlage zu senden. Drei sagen zu. Sie entscheidet sich für den deutschen Guilty Verlag. Ein Kleinverlag in Mecklenburg-Vorpommern, etwa 60 Kilometer von der Ostsee entfernt. Das Buch zeigt einen Weg auf. Ihren Weg, den sie ging, um zurück ins Leben zu finden. Nicht in das Alte. Es passt nicht mehr zu ihr. Vielmehr ist es ein neues Leben, in dem sie nun den Takt vorgibt, die Melodie bestimmt. Sie hat sich in eine selbstbewusste Komponistin verwandelt, deren Repertoire an Tönen vielseitig ist. Und sie spielt wieder Geige. Keine langen Konzerte. Das schafft die begabte Musikerin noch nicht. Aber sie ist zuversichtlich. Und psst: es gibt noch ein Geheimnis. Scheichl-Ebenhoch schreibt weiter. Vielleicht einen Roman, ein…. nein. Mehr wird nicht verraten. CRO

„Ich ertastete einen steinharten, eigroßen Knödel an der linken Schulter, genau dort, wo ich die Geige anlege.“

Auch Sport ist für die Vollblutmusikerin ein guter Ausgleich.
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Urlaub in Griechenland.
Urlaub in Griechenland.
Tanja Scheichl-Ebenhoch liebt die Natur und unternimmt gerne Wanderungen mit ihrem Hund Bono.
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Tanja Scheichl-Ebenhoch mit ihrer Familie.
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