Nataliya Neier hilft aus Überzeugung

Menschen / 08.04.2022 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nataliya Neier hilft aus Überzeugung
Nataliya ist für die Kriegsvertriebenen in Nenzing eine wichtige Ansprech- und Vertrauensperson.  VN/Rauch, privat

Nataliya Neier hilft sowohl vor Ort wie auch im ORS-Ankunftszentrum in Nenzing.

Nenzing Trotz der offenen Halle ist es bis auf die Geräusche spielender Kinder ruhig. Das von ORS im Auftrag des Landes Vorarlberg  betriebene Ankunftszentrum ist auf rund 100 Menschen ausgelegt, jeder Familie steht eine Koje zur Verfügung.

Derzeit sind hier 57 Kriegsvertriebene untergebracht. Kaum tritt Nataliya Neier mit der blauen ORS-Weste in die umgebaute Tennishalle, ist sie der Mittelpunkt des Geschehens. Die Frauen nutzen die Gelegenheit, sich auszutauschen. Eine zeigt stolz die traditionelle Stickerei, einen vor dem Krieg geretteten Schatz. Ein Senior will sicherstellen, dass er keinen wichtigen Termin übersieht, während ein Bursch um ihre Aufmerksamkeit ringt. Zu froh sind alle, mit Nataliya jemanden zu haben, der sie nicht nur sprachlich versteht. Denn die Dolmetscherin ist eine von ihnen.

Die vierfache Mutter engagiert sich ehrenamtlich im Ankunftslager in Nenzing.
Die vierfache Mutter engagiert sich ehrenamtlich im Ankunftslager in Nenzing.

Endlose Weizenfelder

Spricht man Nataliya auf ihre Heimat an, kommt sie ins Schwärmen. Das Dorf Schischkiwzi im Oblast Tscherniwzi war vor dem ersten Weltkrieg Teil des Habsburgerreiches. Die Hauptstadt Czernowitz sei wie das alte Wien, mit seinen Villen und Pflastersteinstraßen. “Und unser Dorf liegt inmitten der Weizenfelder, die bis zu den kleinen Hügeln am blauen Horizont reichen”, schwelgt sie. Goldene Felder unterm blauen Himmel, ein Sinnbild der ukrainischen Flagge. Der Zusammenhalt im Dorf war eng, die Jungen wie Nataliya kümmerten sich um die alten Kriegswitwen. “Immer wenn wir etwas gebacken haben, haben wir auch den Nachbarn was davon gebracht”, betont die 44-Jährige. Diese gaben ihre Erfahrungen weiter, aber auch die Erinnerungen an den Holodomor und den Weltkrieg. “Deren Geschichten haben mich sehr geprägt.”

Holodomor

Der Begriff bezeichnet eine der größten Hungerkatastrophen Europas des 20. Jahrhunderts. Sie war eine Folge eines übereilten Umbaus der Wirtschaft in der Sowjetunion von einer Agrar- in eine Industriegesellschaft, zweier Missernten 1931 und 1932 und der Priosierung von Weizenexporte über die Ernährung der lokalen Bevölkerung. Betroffen waren vor allem die Gebiete der Ukraine und des Kaukasus. Verschäft wurde die Hungersnot durch Ausreiseverbote und der Beschlagnahmung des Saatgutes. Kannibalismus war für viele der letzte Ausweg. Da zur selben Zeit auch die ukrainischen Eliten und Klerus verfolgt und getötet wurden, sieht die Ukraine im Holodomor einen weiteren Baustein eines Genozids an Ukrainern und der Versuch einer Russifizierung des Landes. Allein 3,5 Millionen verhungerten, mit den Verfolgungen gehen die Schätzungen bis zu 14,5 Millionen Todesopfer.

Eigentlich wollte Nataliya ihre Heimat nie verlassen. Doch während ihrer Ausbildung zur Hebamme entstand ein Austauschprogramm zwischen der Universität Czernowitz und der Vorarlberger Landwirtschaftskammer. Zuerst kamen Landwirtschaftsstudenten, dann auch Erntehelfer. Auch Nataliya nutzte wie viele aus ihrem Dorf die Möglichkeit, so Geld zu verdienen. Über die Leichtathletik lernte sie die Krim kennen und lieben, hier wollte sie eine Ferienwohnung kaufen. Stattdessen lernte sie jedoch ihren künftigen Mann kennen.

Diese Ukrainerin nimmt die Lieferungen aus Vorarlberg an der Grenze entgegen und kümmert sich darum, dass nichts in falsche Hände gerät.
Diese Ukrainerin nimmt die Lieferungen aus Vorarlberg an der Grenze entgegen und kümmert sich darum, dass nichts in falsche Hände gerät.

Im April 2002 heiraten die beiben, seitdem lebt Nataliya hier. Neben der Kindererziehung blieb wenig Zeit, ihre Zertifikate als Hebamme oder Krankenschwester zu machen. Sie arbeitet als Pflegehelferin im Altersheim und lobt so die Möglichkeit, von der Weisheit des Alters aus erster Hand profitieren zu können. Doch auch Ausbildungen in der Humanenergetik, Traditionelle chinesische Medizin und dem Umgang mit Hochsensiblen erweiterten ihren Horizont. Die Verbindung zur Heimat verlor die Mutter von vier Kindern jedoch nie. 2005 bat ihre beste Freundin sie auf dem Totenbett, ob Nataliya nicht zu deren Tochter schauen könne. Daraus entstand weit mehr: Wöchentlich fuhr ein Transporter von Vorarlberg in die Ukraine, vom Spielzeug und den Sachspenden profitiert auch ein Waisenhaus.

Volle Transporterladungen gelangen durch das Engagement Nataliyas in die Ukraine.
Volle Transporterladungen gelangen durch das Engagement Nataliyas in die Ukraine.

Doch dann kam der Krieg. “Ich musste etwas machen”, erklärt Nataliya. Nun sammelt sie für Soldaten und Zivilisten an der Front. Die Unterstützung kam von allen Seiten, dankt sie allen, die halfen, von Freunden bis zu den Schulen in Nenzing, Schruns und Thüringen. “Ich wusste nicht mehr, wohin mit den Spenden.” Ihre Vertrauensperson vor Ort leitet ein Sozialzentrum und kümmert sich darum, dass alles in die richtigen Hände gelangt.

Die Spenden aus Vorarlberg gelangen bis zur Front, hier ist die Versorgung oft besonders herausfordernd.
Die Spenden aus Vorarlberg gelangen bis zur Front, hier ist die Versorgung oft besonders herausfordernd.

Sie selbst hilft ehrenamtlich im Ankunftszentrum. „Hier funktioniert alles so harmonisch“, lobt sie den Zugang der Menschen im Ankunftszentrum. „Alle sind zufrieden, die Hilfsbereitschaft ist groß. Ich finde das toll.“ Das Wichtige ist der Blick nach vorne, dem Kriegsende entgegen. “Ansonsten rutscht man ins Negative ab.”

Selbst frischgebackene Kuchen gelangen über Nataliya zu den Menschen in der umkämpften Ukraine.
Selbst frischgebackene Kuchen gelangen über Nataliya zu den Menschen in der umkämpften Ukraine.