“Versuche nach Gottes Willen zu leben”

Menschen / 04.05.2022 • 17:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Yoga hilft mir, über den Körper zu mir zu kommen“, sagt Greussing. VN/Roland Paulitsch
„Yoga hilft mir, über den Körper zu mir zu kommen“, sagt Greussing. VN/Roland Paulitsch

Günther Greussing arbeitete viele Jahre in der Suchttherapie. Nun unterrichtet er Häftlinge in Yoga.

Altach Mit zehn Jahren war Günther Greussing so glücklich, dass er sich dachte: ,Das Leben kann nicht besser werden.‘ „Ich fühlte mich in der Schule wohl. Auf dem Fußballplatz konnte ich mich austoben. Auch Ministrant war ich gerne. Denn ich war schon damals sehr gläubig.“ Ein Erlebnis in der Kirche ist dem Sohn eines Gendarmen bis heute in Erinnerung geblieben. „Ich hatte den Impuls, zum Altar zu gehen. Ich kniete vor dem Kreuz nieder, schaute zu Jesus hinauf und hatte totales Mitleid mit ihm. Ich verstand nicht, dass man gegenüber dem Leiden von Christus gleichgültig sein konnte.“

Die Heimat in sich finden

Wegen seiner Freunde besuchte auch Günther die Handelsakademie. „Ich fühlte mich an dieser Schule aber verloren.“ Nach der Matura begann er – wie seine Freunde – Betriebswirtschaft zu studieren. Bald stellte er fest, dass diese Fachrichtung nicht wirklich seinem Interesse entsprach. „Aber dann kam meine Rettung. Ich besuchte einen Meditationskurs. Das schlug bei mir voll ein. Das war das Beste, was ich je gelernt habe im Leben.“ Denn: „Durch die Meditation kam ich immer wieder zu mir selbst zurück, egal, was im Leben passierte. Das gab mir ein Gefühl der Sicherheit. Ich fand so etwas wie Heimat in mir selbst.“ Zweimal am Tag verpflichtete sich der junge Mann zur Transzendentalen Meditation (TM), weil er merkte, dass es ihm guttat.

In seinem Leben kam es damals zu einem positiven Umbruch. Der Student bewarb sich an der Sozialakademie und bestand die Aufnahmeprüfung. „In dieser Schule lebte ich richtig auf. Ich tat mir leicht, weil die Themen Pädagogik und Psychologie mich interessierten und ich im Zuge der Praktika merkte, dass ich gerne mit Menschen arbeite.“ Nach dem Studium erfuhr er von einem Kollegen, dass die Bewährungshilfe in Innsbruck einen Mitarbeiter sucht. „So wurde ich Bewährungshelfer.“

Jeder Tag ein Abenteuer

Günther gefiel die Arbeit mit jugendlichen Straftätern. „Um sie besser zu verstehen, machte ich auch etwas Kriminelles. Ich klaute vor einer Bäckerei Milch und Joghurt, die Hälfte davon verschenkte ich, weil ich die Tat bereute.“ Es gelang ihm, zu seinen Schützlingen Zugang zu finden.“Es entstanden wertvolle Beziehungen. Aus Zuneigung wurden die jungen Menschen nicht mehr straffällig.“ In Wien arbeitete der Bewährungshelfer mit Jugendlichen in der Gruppe. „Das ist effektiver. Da sind die Menschen echter.“

Ein neuer Lebensabschnitt tat sich für ihn auf als er eine Ausbildung zum Meditationslehrer machte und im Zuge dessen auch Yoga lernte. Dafür gab er sogar seinen Beamtenjob auf. „Fünf Jahre war ich ausschließlich Meditationslehrer. Ich brachte viele Menschen zur Meditation.“

Durch die Geistesübungen entwickelte Günther einen eigenen Glauben. „Ich versuche nicht nach meinem Willen, sondern nach Gottes Willen zu leben. Durch die Meditation habe ich gelernt, Impulse wahrzunehmen, die hilfreich und richtig sind.“

Diese führten ihn auch beruflich in die richtige Richtung. Beinahe 20 Jahre arbeitete der Vater zweier Töchter als Verhaltenstherapeut in der Therapiestation Carina. Er habe die Arbeit mit suchtkranken Menschen geliebt, sagt der 70-Jährige, der vor zwei Jahren ungern in Rente ging. „Jeder Tag war ein Abenteuer. Man wusste nie, was passiert. Oft war ich mit 20 Patienten allein.“ Der Therapeut begann mit ihnen Yoga zu machen.  „Es beruhigte sie. Sie genossen es, beim Yoga zur Ruhe zu kommen.“

Weil er weiter als TM-Lehrer arbeitet und seit 25 Jahren in der Schweizer Strafanstalt Saxerriet Yoga unterrichtet, seit Neuestem übrigens auch in der Justizanstalt Feldkirch, wird ihm in der Pension nicht langweilig. „Es ist nicht so einfach, das zu machen. Aber ich genieße es. Häftlinge sind ganz normale Menschen. Sie sind nicht nur kriminell. Sie sind auch Vater, Schwester oder Sohn. Die meisten Taten passieren unter Drogen- oder Alkoholeinfluss.“ Vn-kum

„Das Beste, was ich je gelernt habe, war Meditation.“

Ein Foto aus der Zeit, als er noch als Suchtbehandler in der Therapiestation arbeitete. 

Ein Foto aus der Zeit, als er noch als Suchtbehandler in der Therapiestation arbeitete. 

Seit er 21 ist, meditiert Günther Greussing regelmäßig.
Seit er 21 ist, meditiert Günther Greussing regelmäßig.
Günther Greussing mit seiner Familie.

Günther Greussing mit seiner Familie.

Zur Person

Günther Greussing

führt in TM ein. Tel. 0664/6496327

Geboren 5. Jänner 1952

Familie verheiratet, zwei Töchter

Hobbys Nenzinger Himmel, Wandern