Die Montafoner Mundart digitalisiert

Menschen / 12.09.2022 • 19:21 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Sprache lebendig zu halten, bedeutet, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Eine Sprache lebendig zu halten, bedeutet, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Michael Kasper will den Montafoner Dialekt vor dem Verschwinden retten.

Schruns Der Obmann des Heimatschutzvereins und Leiter der vier Montafoner Museen, Michael Kasper, präsentiert die erste Online-Dialekt-Datenbank, gefüttert mit unzähligen alten Ausdrücken und Redewendungen und mit Audiodateien zum Anhören vertont. Der große Vorteil dieses web-basierten Nachschlagewerkes liegt im einfachen Zugriff und in seiner Interaktivität. „Die Sammlung kann laufend erweitert und ergänzt werden, weshalb wir alle Interessierten um Wort-Vorschläge oder Hinweise auf regionale Besonderheiten bitten“, sagt der 42-Jährige, der die Aufnahme des „Muntafunerischen“ in das offizielle Verzeichnis des immateriellen UNESCO-Kulturerbes beantragte.

Sprachschatz

Die Besonderheit der Montafoner Mundart liegt in der Verschmelzung mehrerer Dialektformen, was in dieser Form im Grenzraum zwischen den Sprachgebieten Alemannisch, Rätoromanisch und Bajuwarisch einzigartig ist. Vieles wird außerhalb des Tales nicht verstanden. Wer weiß schon was ein Fifoldara (Schmetterling) ist, eine Molta (Holzgefäß zum Teigmachen) oder Grenta (Preiselbeeren) sind?

Weil man sich im Montafon dieses Schatzes schon immer bewusst war, gab es im Archiv bisher kaum zugängliche Auflistungen von Wörtern. „Wir mussten nicht von Neuem beginnen, sondern konnten auf diese analogen Sammlungen zurückgreifen, wo bei jedem Wort die Quelle dabeistand.“ Das war wichtig, denn in einem 39 Kilometer langen Tal macht es einen Unterschied, woher das Wort stammt. Es kann sein, dass es im Innermontafon Langsi heißt und im Silbertal Langsa. Die Verortung ist so anhand der Aussprache unmittelbar erkennbar. „Es ist uns wichtig mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, an Originalschauplätze zu gehen und im Sinne der Unmittelbarkeit die Geschichte durch Angreifen zu begreifen“, erklärt der Historiker.

300 Zeitzeugeninterviews

Schon im 19. und 20. Jahrhundert hat unter anderem der Arzt Franz Josef Vonbun alte Dialekterzählungen aufgeschrieben, um sie für die Nachwelt festzuhalten. „Das setzen wir auch heute fort“, erzählt Kasper von einem weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit, „rund 300 Zeitzeugeninterviews haben wir schon geführt und aufgezeichnet, um aktiv das lokale Erzählgut zu sammeln und zu erhalten.“ Das gilt auch für die Montafoner Baukultur. Durch die 3-Stufen-Landwirtschaft entstanden über Jahrhunderte charakteristische Wohn- und Wirtschaftsformen. Auch Kasper selbst ist in einem alten Bauernhaus in Gortipohl aufgewachsen. Als er das Gymnasium in Bludenz besuchte, machte er auf dem Dachboden eine bedeutungsvolle Entdeckung. „Professor Manfred Tschaikner gab uns den Auftrag, alte Dokumente zum Lesen mitzubringen“, erinnert er sich an seine Schulzeit zurück. „Ich fand eine ganze Kiste, lernte die alte Schrift zu lesen und mit einem Male war mein Interesse für Geschichte geweckt.“ So studierte er nach der Matura die Lehramtsstudien Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Geografie und Wirtschaftskunde sowie katholische Religion in Innsbruck.

Seine Berufung sah Kasper jedoch nicht im Unterrichten, sondern in dem, was er heute macht, als Obmann des Heimatschutzvereins Montafon und kulturwissenschaftlicher Bereichsleiter am Stand Montafon. Nämlich die Geschichte lebendig zu halten, indem sie an Einheimische und Gäste vermittelt wird. Das Kulturfestival septimo, das gerade stattfindet, ist mit seinen zahlreichen Veranstaltungen das beste Beispiel. CRO

„Im Unterschied zu anderen Dialekten in Vorarlberg gibt es im Muntafunerischen viele rätoromanische Wörter.“

Die analogen Auflistungen von Dialektwörtern aus dem Archiv.
Die analogen Auflistungen von Dialektwörtern aus dem Archiv.
Michael Kasper besucht Originalschauplätze, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.
Michael Kasper besucht Originalschauplätze, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.
Kasper: „Bis heute führen wir Zeitzeugeninterviews, um alte Dialekterzählungen aufgeschrieben festhalten zu können.“
Kasper: „Bis heute führen wir Zeitzeugeninterviews, um alte Dialekterzählungen aufgeschrieben festhalten zu können.“

Zur Person

Michael Kasper

Wohnort Telfs/St. Gallenkirch

Beruf Historiker, Archivar und Museumsleiter

Studium Doktorratsstudium Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Geografie und Wirtschaftskunde sowie katholische Religion in Innsbruck

Hobbys Berge, Lesen, Forschen

Donnerstag, 15. September, 17 Uhr werden im Anschluss an den Dialektspaziergang mit Franz Rüdisser die Wortpaten vorgestellt. www.montafon.at/septimo/de