Ein Vollblut-Älpler voller Wehmut

Menschen / 21.09.2022 • 16:58 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
In der Natur fühlt sich der Großwalsertaler wohl.
In der Natur fühlt sich der Großwalsertaler wohl.

Heute übergibt Günter Jenni den Bauern das Vieh. Das Ende der Alpsaison betrübt den Hirten der Alpe Innergweil.

St. Gallenkirch Heute holen die Bauern ihr Vieh, das auf der Alpe Innergweil übersommerte, am Maisäß Rüti ab. Günter Jenni (62), der Pächter und Hirte der Alpe Innergweil im hinteren Montafon, weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. Einerseits freut er sich, dass er alle 121 Mutterkühe und Rinder gesund übergeben kann. Andererseits erfüllt es ihn mit Wehmut, dass er sich von „seinen“ Tieren trennen muss.

Ein Rezept gegen die Traurigkeit

Nach dem Alpabtrieb geht es dem Vollblut-Älpler in der Regel schlecht. „Ich werde traurig, wenn ich keine Kuhglocken mehr höre.“ Aber er hat ein Rezept gegen die Traurigkeit. „Wenn ich mein Haus in Bludesch betrete, gehe ich als erstes in meine Werkstatt.“ Dort befindet sich seine große Kuhglocken-Sammlung. „Ich schwinge dann einige meiner Schellen. Wenn ich das Geläute höre, geht es mir wieder besser.“ Über die Jahre hat der gebürtige Raggaler unzählige Glocken gesammelt, darunter auch sehr alte und wertvolle. Von einigen seiner Sammlerstücke würde er sich nie trennen. Aber generell handelt Jenni mit Glocken, er kauft, verkauft und repariert sie. Seine Begeisterung für Kuhglocken rührt aus einer Zeit, als er noch ein kleiner Bub war. Seinen ersten Alpsommer verbrachte Jenni auf der Alpe Klesenza im Großen Walsertal bei seinen Großeltern. Damals war er fünf Jahre alt. „Ich erinnere mich an die Kuh Putzi. Ich molk sie mit der Hand.“

Nach diesem Sommer war der Bub mit dem Alp-Virus infiziert. „Ab da ging ich immer z’Alp.“ Seine Mutter war froh, dass sie über den Sommer ein hungriges Maul weniger stopfen musste. Denn sie musste ihre drei Kinder allein durchbringen. „Mein Vater starb, als ich acht Jahre alt war. Er verunglückte bei Holzarbeiten tödlich.“ Jenni denkt verständlicherweise nicht gern an diese schlimme Zeit zurück. Auch seine Lehrzeit hat er in keiner guten Erinnerung. Der junge Mann absolvierte eine Ausbildung zum Schlosser und Schmied. „In dieser Zeit konnte ich nicht auf die Alpe. Das war für mich furchtbar. Im Frühling habe ich in der Firma die Tür aufgemacht und sehnsüchtig auf die Berge geschaut.“

Nach der Lehre zog er unverzüglich wieder auf die Alpe Klesenza als Meisterhirte und Melker. „Ich habe 24 Kühe von Hand gemolken, morgens und abends.“ Aber in der Folge leitete ihn das Leben in eine andere Richtung. Die Firma Liebherr engagierte den Schlossermeister. 25 Jahre lang arbeitete er für dieses Unternehmen. Aber auch in dieser Zeit blieb er ein Naturmensch. „Ich bin viel Skifahren, Bergsteigen und Radfahren gegangen.“ Heute wundert er sich jedoch, dass er es geschafft hat, so lange „indoor“ zu arbeiten. Im Jahr 2012, in einem Alter, in dem viele bereits vom Ruhestand träumen, startete der damals 52-Jährige noch einmal durch und tut seither das, was er am liebsten tut. Mit dem Wechsel der Jahreszeiten sind dies ganz unterschiedliche Dinge. Im Sommer trägt er Verantwortung für mehr als 120 Mutterkühe und Rinder auf der Alpe Innergweil. „Neun Sommer sind meine Frau Marianne und ich schon am Innergweil“, sagt der Großwalstertaler, der sich im Montafon sichtlich wohlfühlt.

Ein begabter Lederhandwerker

Sobald die Alpsaison zu Ende ist, widmet er sich einer anderen Leidenschaft. In seiner Werkstätte im Keller fertigt er mit Enthusiasmus Glockenriemen aus Leder an. „Den ersten habe ich mit 17 Jahren gemacht, weil man einen für den Alpabtrieb benötigte.“ Danach fragten ihn verschiedene Älpler, ob er auch für sie Riemen für Kühe und Ziegen herstellen könne. Die Aufträge wurden immer mehr, sodass Jenni im Jahr 2003 erstmals das Gewerbe anmeldete. Nach und nach erweiterte der Lederhandwerker seine Produktpalette. Mittlerweile macht der Inhaber der Firma „Altes Handwerk“ auch Hosengürtel. Seine Kunden können sicher sein, dass sie von ihm keine Stangenware bekommen. Sie können bei ihm ihren ganz individuellen, nach Maß angefertigten Gürtel abholen, auch die Glockenriemen sind Einzelstücke.

Wenn sich der Winter ankündigt, ist der Allrounder aber nicht mehr ständig in der Werkstatt. Dann ist Jenni nämlich als Skilehrer gefragt. In Gaschurn wedelt er hauptsächlich mit privaten Gästen über die Pisten, die alljährlich wieder nach „ihrem“ Skilehrer Günter verlangen. „Ich mache alles gern. Ich freue mich im Herbst auf die Werkstatt, im Winter aufs Skifahren und im Frühling auf die Alpe“, findet er Gefallen an der Abwechslung. Noch aber trauert er der Alpsaison hinterher. „Es war ein außergewöhnlich schöner Sommer. Es regnete nur wenige Tage. Das hat dem Gemüt gutgetan. Die Tiere sind bei Schönwetter ruhiger. Da das Gras nicht so saftig war, war die Futterqualität aber nicht so gut.“ VN-kum

„Ich werde traurig, wenn ich keine Kuhglocken mehr höre.“

Die Jennis bewirtschaften die Alpe Innergweil im hinteren Montafon seit neun Jahren.
Die Jennis bewirtschaften die Alpe Innergweil im hinteren Montafon seit neun Jahren.
Günter Jenni trennt sich nicht gerne von „seinen“ Tieren. Beate Rhomberg (2)
Günter Jenni trennt sich nicht gerne von „seinen“ Tieren. Beate Rhomberg (2)
Günter Jenni mit seiner Frau Marianne. Sie unterstützt ihn auf der Alpe, ist seine rechte Hand.
Günter Jenni mit seiner Frau Marianne. Sie unterstützt ihn auf der Alpe, ist seine rechte Hand.

Zur Person

Günter Jenni

ist auch ein begabter Lederhandwerker. Er betreibt die Firma „Altes Handwerk“.

Geboren 14. Juli 1960

Ausbildung Schlossermeister

Familie verheiratet, drei Kinder

Hobbys Bergsteigen, Skifahren