Das weite Herz einer verwaisten Mutter

Menschen / 09.11.2022 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jutta Rinner-Blum besucht hin und wieder die Gedenkstätte, die Simins Vater Hans für seine verstorbene Tochter oberhalb von Dornbirn angelegt hat.<span class="copyright"> Philipp Steurer   </span>
Jutta Rinner-Blum besucht hin und wieder die Gedenkstätte, die Simins Vater Hans für seine verstorbene Tochter oberhalb von Dornbirn angelegt hat. Philipp Steurer

Seit dem Tod ihrer Tochter fürchtet Jutta Rinner-Blum (65) nichts mehr. Denn: “Das Schlimmste ist schon passiert.”

Dornbirn Jutta Rinner-Blum (65) verlor vor sechs Jahren ihr einziges Kind: ihre Tochter Simin wurde nur 38 Jahre alt. „Ich hätte die erste Zeit nicht überlebt, wenn ich meine Eltern und meine zwei spirituellen Lehrer nicht gehabt hätte.“

Jutta überlebte den Tod ihres Kindes. Seither fürchtet sie nichts mehr. „Das Schlimmste ist schon passiert. Es kann nichts Schlimmeres mehr passieren. Das nimmt dir die Angst vor dem Tod und vor dem Leben. Wenn du das annehmen kannst, kannst du das ganze Leben annehmen.“ Die Dornbirnerin akzeptierte ihr Schicksal und wuchs daran. „Mich hat es weicher und einfühlsamer gemacht.“ Ihr Herz öffnete sich weit durch den Schicksalsschlag. „Dadurch wurde ich verwundbarer.“ Das sieht sie nicht als Nachteil, sondern als Vorteil an. „Man muss bereit sein, sich verwunden zu lassen. Liebe ist nicht möglich, ohne die Bereitschaft, sich verletzen zu lassen.“ Sie glaubt, dass man weniger verwundet wird, wenn man sich verwundbar zeigt. „Es gibt wenige, die in ein offenes Herz hineinschlagen. Ich würde das nie tun.“ Außerdem: „Nur mit einem nicht verschlossenen Herzen kann man sich in die Lage anderer Menschen versetzen.“

Simin wurde nur 38 Jahre alt.
Simin wurde nur 38 Jahre alt.

Nach Simins Tod wollte Jutta die tiefe Liebe zu ihrer Tochter zum Ausdruck bringen und etwas in die Welt setzen, was Simin unsterblich macht. Die verwaiste Mutter schrieb einen Gedichtband, verwandelte ihren Schmerz in Kreativität, in mystische Lyrik. “Der Gedichtband „in tausend splittern meine himmel“ ist mein Vermächtnis an Simin.” Die Arbeit an diesem Band – es war nicht ihr erster – war sehr heilsam für Jutta. Es half ihr in ihrer Trauer.

Schon als Kind wollte die Tochter eines Prokuristen Schriftstellerin werden. Das Mädchen schrieb Kinderbücher. „Ich habe mir Geschichten selbst ausgedacht.“ Mit 14 begann Jutta auch Lyrik zu schreiben, die für sie die Sprache des Herzens ist. „Die Gedichte kamen von selbst.“ Schon damals achtete sie beim Schreiben auf Inhalt und Sprache. „Mir ging es immer darum, in die Innenwelt der Menschen zu gehen und deren Berührtheit zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig war mir aber auch immer der sprachliche Ausdruck wichtig.“

<p class="caption">Jutta Rinner-Blum widmete den Gedichtband "in tausend splittern meine himmel" ihrer verstorbenen Tochter.</p>

Jutta Rinner-Blum widmete den Gedichtband "in tausend splittern meine himmel" ihrer verstorbenen Tochter.

Lange schrieb Jutta für die Schublade. „Ich traute mich nicht, meine Texte zu veröffentlichen, weil ich dachte, dass sie nicht gut genug sind.“ Nach ihrem Deutsch- und Englisch-Studium wagte sie sich im Zuge einer Lesung erstmals an die Öffentlichkeit mit einem ihrer Werke. Die Schriftstellerei blieb aber weiterhin nur ihr Hobby. Ihr Brot verdiente Jutta zunächst als Lehrerin. Später ließ sie sich zur Gestalt-Psychotherapeutin ausbilden. In diesem Beruf arbeitete sie 30 Jahre, bis zur Pensionierung im Jahr 2017.  „Ich habe meine Arbeit geliebt.“ Der Drang zum Schreiben war aber auch immer da. „Vier Romane liegen noch in der Schublade.“

Simin bewunderte das Schreibtalent und die Lyrik der Mutter, die inzwischen zwei Gedichtbände, ein Hörspiel, ein Theaterstück veröffentlicht hat und mit dem Harder Literaturpreis sowie dem Kulturpreis des Landes Vorarlberger ausgezeichnet wurde. „Wie kann man mit so wenigen Worten so viel ausdrücken, sagte sie zu mir.“ Simin war stolz auf ihre Mutter. Umgekehrt war auch Jutta stolz auf die Tochter, die das schreiberische Talent der Mutter geerbt hatte und zuletzt als Journalistin tätig war.

Da war Simin noch ein Kind.
Da war Simin noch ein Kind.

Simin schien zu ahnen, dass sie früh sterben muss. „Zu einer Freundin sagte sie: ,Ich weiß, dass ich nicht alt werde. Aber weine nicht, ich habe das Leben in Fülle gelebt.‘“ Ihre Mutter vergleicht Simin mit einem hell leuchtenden Stern. „Die meisten Sterne sterben ganz langsam. Aber es gibt auch welche, die schnell erlöschen. Aber die sind unglaublich hellstrahlend.“

Simin war der Mittelpunkt im Leben ihrer Eltern. „Wir vergötterten sie.“ Sie war acht Jahre alt, als sich ihre Mutter und ihr Vater trennten. „Das traf Simin schwer. Sie versuchte jahrelang, uns wieder zusammenzubringen.“ Das Auseinandergehen ihrer Eltern war die erste große Bruchlinie im Leben von Simin. Die letzte war eine Ehe, die schnell in die Brüche ging. „Danach ging es mit ihr abwärts.“ Am 26. Oktober 2016 starb Simin. Ihre Mutter fand sie tot im Bett. „Das ist so ein Schock. Da setzt alles aus. Es waren die schrecklichsten Momente in meinem Leben.“

Jutta Rinner-Blum als junge Frau.
Jutta Rinner-Blum als junge Frau.

Nach ihrem Tod machte Jutta aber gewisse Erfahrungen, die sie davon überzeugten, dass Simin nach wie vor am Leben ist, in einer anderen Dimension. „Die Zeichen, die mir Simin gab, trösteten mich. Einmal erschien sie mir in einer inneren Vision als Sonne. Sie sagte: ,Mama, ich bin jetzt nicht mehr deine Tochter. Ich bin jetzt ein Lichtwesen. Aber wir werden ewig verbunden sein.“ Jutta ist felsenfest überzeugt: „Nach meinem Tod sehe ich mein Kind wieder.“  

Info: Am 16. November (ab 20 Uhr) liest die Autorin in der bugo Bücherei in Göfis (Büttels 3) aus ihrem neusten Büchlein “Bruchlinien” – fünf Erzählungen über Menschen, deren Leben Brüche und Andersartigkeit aufweist und aus ihrem Gedichtband „In tausend splittern meine himmel“.

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