Vor 90 Jahren baute Walter Kittelberger das Motorflugzeug Bregenz

Motor / 20.06.2019 • 11:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Motorflugzeug WKM I vor dem Start: Kittelberger-Meister Anton Vonach (1.v.li), Pilot Heinrich Wichser (3.v.li.), Karl (4.v.li.) und Walter Kittelberger (5.v.li.) mit Gattin Anna (6.v.li.), Kittelberger-Meister Ernst Kulhay (ganz rechts). FOTOS: KITTELBERGER/RUPPKleines Bild: Serienautor Willi Rupp.

Exklusive VN.at-Serie (Teil 1/6): Die Kittelberger-Brüder und die Vorarlberger Luftfahrt

Bregenz In der Vorarlberger Segelfliegerszene hatte der Name Kittelberger in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen guten Klang. Als aktive Segelflieger und als Hersteller von Segelflugzeugen waren sie in Vorarlberg bekannt und erfolgreich. So war die Öffentlichkeit sehr neugierig und interessiert, als es 1929 hieß, Walter Kittelberger habe ein Motorflugzeug gebaut.

Das Motorflugzeug Bregenz

Bereits 1928 war Walter Kittelberger eifrig mit der Konstruktion und dem Bau eines Motorflugzeugs beschäftigt. Mit nur bescheidenen finanziellen Mitteln ausgestattet, gelang es ihm, im Sommer 1929 das Flugzeug fertigzustellen. Es trug die Bezeichnung WKM I, das bedeutete Walter Kittelberger Motorflugzeug 1; seine Segelflugzeuge trugen die Kennung WKS. Im Festsaal des Austriahauses in der Bregenzer Belruptstraße konnten die interessierten Besucher das Flugzeug, das  nach den modernsten Grundlagen der Flugtechnik hergestellt wurde, besichtigen. Kittelberger gab dem Kleinflugzeug den Namen Bregenz, der gut lesbar auf dem Rumpfvorderteil aufgemalt war.

Ein Zeitzeuge sagte wohlwollend: „Schon beim ersten Blick fällt die elegante Form der Maschine ins Auge, die mit aller Sorgfalt hergestellt ist. Berücksichtigt man, daß der Erbauer ein Laie ist, so muß man die Sauberkeit der Arbeit bewundern. Wir wünschen dem strebsamen, wagemutigen Erbauer zu seinem Unternehmen viel Glück.“ Ein weiterer Zeitzeuge schrieb: „Dem Jungflieger aber rufen wir jetzt schon ein herzliches Glückauf und ein noch herzlicheres Glückab zu.“

Bei der WKM I handelte es sich um einen zweisitzigen Hochdecker, die Spannweite der Flügel betrug 10,4 Meter und die Rumpflänge 6,5 Meter. Das Eigengewicht betrug 200 kg, die zuladbare Nutzlast (Pilot, 1 Fahrgast und Gepäck) lag bei 190 kg. Der zweizylindrige MAG Motor in V-Form leistete mit seinen 1100 ccm etwa 28 bis 30 PS, die maximale Reisegeschwindigkeit betrug 120 km/h und der Aktionsradius wurde bei einem Verbrauch von fünf Liter Benzin pro Stunde mit 700 km angegeben. Die Betriebskosten betrugen für eine Flugstunde 3,50 Schilling. Beim Bau hatte Kittelberger das bewährte Flügelprofil Göttingen 441 angewendet, scheute jedoch nicht davor zurück, auch eigene Ideen zu verwenden: Bei dem vorwiegend aus Fichten-, Föhren- und Eschenholz gefertigten Flugzeug wurde auf die damals übliche Stoffbespannung verzichtet. Stattdessen wurden sämtliche Flächen mit 1 mm (!) starkem Sperrholz beplankt und somit als tragende Haut angesehen, was einen torsionsfesten (verwindungsstabilen) Bau gewährleistete. Kittelberger verzichtete auch auf die Federung des Fahrgestells, da die Räder auf einer elastischen Achse montiert und die Reifen größer dimensioniert wurden. Der Passagier saß auf dem vorderen Sitz, zu dem er über einen kleinen seitlichen Eingang gelangte. Der Pilot stieg von oben zu und nahm auf dem hinteren Sitz Platz. Ziemlich unangenehm hört sich heute die Information an, dass der Treibstofftank sich genau zwischen den beiden Sitzen befand.

Kittelberger taufte das Flugzeug auf den Namen Bregenz. Der Flugzeugrumpf war mit Sperrholz verkleidet

Am 13. Oktober 1929 fanden auf dem Flugfeld in Höchst die ersten Rollversuche am Boden statt, bevor sich das Flugzeug, gesteuert vom Schweizer Leutnant Heinrich Wichser, in die Luft erhob. Die Bregenz zeigte eine tadellose Stabilität und unbedingte Flugtauglichkeit. Während die Flüge am Vormittag tadellos verliefen, setzte bei einem Nachmittagsflug der Vergaser aus, so dass der Pilot auf einer unebenen Wiese notlanden musste und das Flugzeug leicht beschädigt wurde.

Die Überreste der Bregenz

1934 wurde die WKM I in der Zeitschrift l’Aerophile Salon vorgestellt. In der Kittelberger-Firmenhistorie ist überliefert, dass das Flugzeug bei einer Landung schwere Beschädigungen erlitt. Danach verliert sich die Spur dieses Motorflugzeuges Made in Vorarlberg. Möglicherweise war die WKM I schon im Oktober 1930 nicht mehr funktionstüchtig, da Walter Kittelberger zu diesem Zeitpunkt den 2-Zylinder-M.A.G.-Motor, Zustand „wie neu“, zum Verkauf anbot.

Zahlreiche Ideen

Vermutlich Ende der 1930er-Jahre wurde von Kittelberger die WKM II gebaut. Es handelte sich um ein einmotoriges zweisitziges Tiefdecker-Kabinenreiseflugzeug. Im Bau befand sich angeblich in den Kriegsjahren auch noch die WKM III, ebenfalls ein drei- bis viersitziges Tiefdecker-Kabinenreiseflugzeug mit einer Spannweite von zehn Metern. Der Antrieb sollte durch Motoren von 130 bis 200 PS Leistung erfolgen. Im Planungsstadium befand sich auch die WKM V. Fotos aus dem Firmenarchiv belegen auch noch viel größere Flugzeuge, eines sogar mit sechs (!) Motoren, die jedoch allesamt nie verwirklicht wurden.

Modell der Kittelberger WKM II (oben) und Kittelbergers Zukunftsprojekt.

Willi Rupp, Jg. 1953, pensionierter Mittelschullehrer für Deutsch und Geschichte; beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Vorarlberger Verkehrsgeschichte. Kontakt: w.rupp@aon.at