Die tüchtigen Schwaben in Bregenz-Vorkloster

Motor / 22.06.2019 • 13:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
1937 in österreichischer Fliegeruniform: Walter (links) und Karl Kittelberger (rechts) mit einem Fliegerkameraden. Kleines Bild: Serienautor Willi Rupp. FOTOS: KITTELBERGER/RUPP

Exklusive vn.at-Serie (Teil 2/6): Die Kittelberger-Brüder und die Vorarlberger Luftfahrt

Bregenz Die Namen Karl und Walter Kittelberger sind in der Vorarlberger Luftfahrtgeschichte fest verankert, galten und gelten die beiden Brüder doch als die erfolgreichsten Flugzeugbauer Vorarlbergs vor 1945. Ihr Großvater Friedrich Kittelberger stammte aus Marbach am Neckar und war 1885 nach Bregenz gekommen, wo er 1886 eine Lackfabrik eröffnete. Die Wagenlack- und Firnißfabrik befand sich in Bregenz-Vorkloster, kurze Zeit später war Georg Kressel als Gesellschafter in die Fabrik eingestiegen, beide bezeichneten sich als alleinige Erfinder und Fabrikanten. Bereits 1893 trennten sich Kittelberger und Kressel. Kressel gründete eine eigene Fabrik, Alfred Sandberger aus Stuttgart wurde 1895 neuer Gesellschafter bei Kittelberger. Bereits drei Jahre später, im Oktober 1898, starb nach langer Krankheit der erst 49-jährige Friedrich Kittelberger. 1899 wurde die Firma aus dem Handelsregister gelöscht. Friedrich Kittelberger hatte sich in Vorarlberg schnell integriert, indem er jahrelang sowohl Vorstand des Turnvereins Bregenz als auch Vorstandsmitglied der Sektion Vorarlberg des Alpenvereins war.

Karl Kittelberger sen.

Sein Sohn Karl Kittelberger, 1876 in Feuerbach bei Stuttgart geboren, heiratete 1900 in Bregenz und erwarb sich um das kulturelle Leben seiner Wahlheimt Vorarlberg namhafte Verdienste. Bereits 1902 gründete er den Gabelsberger Stenographenverein Bregenz, in dem er jahrelang Kurse gab. Nach dem Ersten Weltkrieg war Karl Kittelberger sen. ein Jahrzehnt lang Landesstenograph, als Numismatiker genoss er einen hervorragenden Ruf und wurde bei der Gründung des Vereins für Münzkunde am Bodensee im Jahr 1903 zum Vorstand gewählt. Als langjähriger Buchhalter in der Drogerie und Farbenhandlung F.B. Hörburger in Bregenz blieb er den Lacken und Farben seines Vaters im weitesten Sinne treu. Von seinen Kindern wurden die Söhne Walter (1901-1980) und Karl (1907-1985) in der Vorarlberger Luftfahrt und über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Karl Kittelberger sen. war ein über die Landesgrenzen hinaus bekannter Numismatiker.

Walter Kittelberger

Walter Kittelberger (1901-1980) war erst 17 Jahre alt, als er 1918 sein erstes Gleitflugzeug baute, von dem aber nichts Näheres überliefert ist, genauso wenig wie von seinem 1922 erbauten Segelflugzeug, das er ohne Bespannung nach Lindau verkaufte. 1925 gründete Walter Kittelberger, ein gelernter Schlosser, den kurzlebigen Verein Flugsport Bregenz, 1926 wurde die Fliegergruppe Bregenz ins Leben gerufen, deren Vorstand Walter Kittelberger wurde. Noch im selben Jahr wurde von dieser Gruppe ein Hängegleiter gebaut und auf dem Pfänder bis zur Zerstörung getestet. Die ersten Flüge auf dem Pfänder waren lediglich Gleitflüge, bis 1928 durch Hans Blessing mit dem Segelflugzeug Wangen i.A. der erste Pfänderflug mit einer Landung in Lindau-Zech durchgeführt wurde.
Während Karl Kittelberger, der jüngere der beiden Brüder, vorwiegend der geschickte Handwerker war, zeigte sich Walter Kittelberger als talentierter Flugzeug- und Bootskonstrukteur sowie als Unternehmer. In den 1930er-Jahren wurden mehrere Flugzeuge gebaut und während der NS-Zeit florierte der Betrieb wegen der Rüstungsaufträge. „In der eigenen Firma war er Direktor und fuhr einen großen Mercedes. Er sprach Schriftdeutsch“, erinnert sich Alwin Kolb-Lerche.
Walter Kittelberger verließ Bregenz 1953 und ging ins Ruhrgebiet zu Schollmeyer & Mahler, wo er Wohnwagen baute und die ersten Boote aus Fiberglas herstellte. Nach zwei weiteren Stationen in Bonndorf und Öhningen landete er letztlich in Konstanz, wo er die Polywerft gründete und 20 Mitarbeiter pro Woche bis zu zehn Kunststoffboote herstellten.

Karl Kittelberger jun.

Karl Kittelberger jun. (1907-1985) war ein begeisterter Segelflieger und liebte den Pfänder. Bereits 1935 hatte er sowohl die A- und auch den B-Prüfung für das Segelfliegen bestanden. Neben vielen erfolgreichen Flügen im Laufe der Jahre blieb einer besonders in Erinnerung und Karl Kittelberger wurde dadurch weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt: Im Juni 1938 startete er mit der neuen WKS III, einem Hochleistungs-segelflugzeug aus der Werkstätte Kittelberger, zu einem Dauerflug auf dem Pfänder. Bei günstigem Westwind erreichte Kittelberger eine Startüberhöhung von 800 Metern, flog nach Lindenberg und Dornbirn, kreuzte und kurvte den ganzen Nachmittag über dem Pfändergebiet, bevor er nach einer Flugzeit von neun Stunden und 35 Minuten auf dem Fluggelände in Neu Amerika landete. Mit diesem unglaublichen Flug hatte er den bisherigen Pfänderrekord seines Freundes Rudolf Rödthammer auf derselben Maschine um drei Stunden 50 Minuten überboten.
1924 bis 1927 absolvierte Karl eine Schreinerlehre und war in verschiedenen Betrieben tätig, bevor er 1932 begann, gemeinsam mit seinem Bruder Walter Segelflugzeuge zu bauen. Seit Ende der 1920er-Jahre beteiligte sich Karl Kittelberger auch recht erfolgreich bei mehreren Radrennen, unter anderem bei der Straßenmeisterschaft für Tirol und Vorarlberg. Seit 1938 war Karl Kittelberger auch Fluglehrer, gleichzeitig arbeitete er während des Krieges auch in den Kittelberger Werken, bis er 1944 zu den Standschützen nach Tirol einrücken musste. 1946 legte er die Meisterprüfung als Schreiner ab, war Fluglehrer, Skifahrer und leidenschaftlicher Skispringer, Segelflieger und erfolgreicher Segler auf dem Bodensee. Ende der 1940er-Jahre war Walter Kittelberger als einer der ersten mit dabei, als es hieß, das Flugwesen in Vorarlberg wieder zu aktivieren. Nach der Gründung des Fallschirmspringerklubs Silvretta 1969, dessen Mitglied Karl Kittelberger sogleich wurde, begann er im Alter von 62 Jahren zu springen. An seinem 75. Geburtstag sprang er bereits zum 250. Mal. Seinen letzten Sprung absolvierte er, 77 (!) Jahre alt, im Oktober 1984 und landete stehend im Zielpunkt. Ende Februar 1985 starb Karl Kittelberger, Inhaber vieler Sport- und Vereinsauszeichnungen, der gemeinsam mit seinem Bruder Walter in der Vorarlberger Luftfahrt Geschichte geschrieben hat.

Alfred Kittelberger (Jg. 1939)

„Mein Vater Walter ging nie in Pension, er war ständig beschäftigt, bevor er 1980 nach schwerer Krankheit starb“, erklärt Alfred Kittelberger, der sich mit seiner Familiengeschichte beschäftigt. Als Kind erlebte er die letzten Kriegsjahre und dann als Jugendlicher die Nachkriegsjahre im Rheindelta und in Bregenz. „Ich habe bei der Fa. Schwärzler in Hard Formstecher gelernt, bin dort geblieben, bis ich 1958 zum Bundesheer eingezogen wurde. Nach der Entlassung bin ich nach Konstanz zu meinem Vater gezogen und habe in der Poly-Werft gearbeitet.“ Alfred Kittelberger landete 1962 der Liebe wegen im Norden Deutschlands, arbeitete beim Hamburger Flugzeugbau und war bei der Weiterentwicklung von Kunststoffteilen für die HFB 320 Hansa Jet beteiligt. Anschließend studierte Alfred Kittelberger in der Abendschule Elektrotechnik, ging dann zu Siemens, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1999 in der Schiffselektronik beschäftigt war.

Alfred Kittelberger ist stolz auf die Leistungen der Kittelberger-Brüder.

Alfred Kittelberger erinnert sich noch gut an einige Erlebnisse aus seiner Kinderzeit, so zum Beispiel an die Notlandung eines amerikanischen Bombers am 9. Juni 1944 in Höchst: „Ich war damals fünf Jahre alt und wir waren auf dem Flugplatz, als der beschädigte Bomber angeschossen von der Flak in Innsbruck auftauchte. Der Bomber kreiste über dem Flugplatz. Wissentlich, dass in der Schweiz mehrere B24 notgelandet sind und dieser auch da landen wollte, hatte mein Vater mich in seine Norton geladen und die Schweizer Flagge mitgenommen und sie auf dem Flugplatz ausgebreitet. Das war das Signal zur Landung. Die Mannschaft kam in Kriegsgefangenschaft, wurde aber dann bei Kriegsende freigelassen.“

1944: das Kittelberger Tretauto mit dem fünfjährigen Alfred Kittelberger Kittelberger/Rupp

Ebenfalls 1944 erlebte der kleine Alfred eine besonders erfreuliche Überraschung, als die Arbeiter der Firma Flugzeugbau Kittelberger Rheinau-Höchst für den Sohn des Chefs als Geburtstagsgeschenk ein Tretauto bauten. „Das Tretauto war anfänglich rot lackiert, aber der Hahn von meinem Großvater mochte die Farbe nicht und griff das Auto immer an, so dass ich flüchten musste. Danach wurde das Auto auf Silber Metallic umlackiert und es war Ruhe“, lacht Alfred Kittelberger.

Willi Rupp, Jg. 1953, pensionierter Mittelschullehrer für Deutsch und Geschichte; beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Vorarlberger Verkehrsgeschichte. Kontakt: w.rupp@aon.at