Ein Motorboot mit Luftpropeller

Motor / 30.06.2019 • 10:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das „Luftschraubenboot“ kurz vor der Fertigstellung im Winter 1932/33. Kleines Bild: Serienautor Willi Rupp. FOTOS: KITTELBERGER/RUPP

Exklusive VN.at-Serie (Teil 3/6): Die „Kittelberger-Brüder“ und die Vorarlberger Luftfahrt

Bregenz Im Frühling 1933 machten sich zahlreiche Neugierige auf den Weg zum Bregenzer Hafen, denn es gab ein „eigenartiges“ Boot zu sehen und zu hören. Ein Luftschraubenboot – konstruiert von Walter Kittelberger und gemeinsam mit seinem Bruder Karl gebaut – machte die ersten Tests im Wasser. Bis auf die Blecharbeiten hatten die Gebrüder Kittelberger – bestens bekannt in der Vorarlberger Luftfahrt – das Gefährt eigenhändig geschaffen. Ganz frei von der Luftfahrt war das interessante Boot nicht, denn deutlich sichtbar war auf dem hinteren Teil des Bootsrumpfes ein großer Flugzeug-Motor montiert.

Motor aus Kampfflugzeug

Der Motor stammte aus der Zeit des 1.Weltkriegs und war ursprünglich in einem Kampfflugzeug eingebaut. Es handelte sich um einen Argus-Motor mit Wasserkühlung aus der gleichnamigen Firma Argus Motoren Gesellschaft m. b. H. in Berlin-Reinikendorf. Bei 1400 Touren entwickelte der Motor eine Leistung von 120 PS, die auf einen vierflügeligen Propeller mit 2 Metern Durchmesser übertragen wurde. Die hölzernen Propellerblätter waren mit Metallkanten versehen. Mit diesem mächtigen Antrieb wollten die Kittelberger-Brüder das Boot auf 80 bis 100 km/h beschleunigen und damit den hohen Benzinverbrauch kompensieren. Bei dieser Geschwindigkeit waren kurze Fahrzeiten von einem Ort am See zu einem anderen möglich. Der Boden des Bootes war stufenförmig gebaut, damit das Boot mit zunehmender Geschwindigkeit sich vorne aus dem Wasser hob und der Widerstand geringer wurde. So sollte ein schnelles Gleiten möglich sein. Das wiederum setzte jedoch eine glatte Wasseroberfläche, d.h. einen ruhigen See, voraus. Die Präsentation bzw. die Erprobung des Luftschraubenbootes im Bregenzer Hafen verlief nicht ganz zufriedenstellend. Die Wasseransaugung funktionierte nicht einwandfrei, so dass eine ausreichende Kühlung des Motors unmöglich war.

„Walter Kittelberger hat früher schon einmal ein Boot mit aufgesetztem Luftpropeller gebaut und damit keine schlechten Erfahrungen gemacht. Damals aber handelte es sich um ein kleineres Boot mit einem verhältnismäßig schwachen Motor“, berichtete ein Zeitzeuge ohne eine Datierung zu nennen. Möglicherweise – aber doch eher unwahrscheinlich – handelte es sich um jenes „Motorboot mit Luftpropellerbetrieb“, das im Juni 1925 im Hafen von Lindau einiges Aufsehen erregte: „Dem Motorengeräusch nach hätte man meinen können, ein Flugzeug sei im Aufstieg begriffen. Das Boot zeichnet sich durch eine riesige Geschwindigkeit aus. Es fährt in etwa 5 Minuten nach Bregenz und in 40 Minuten nach Konstanz. Der Bodenseeverkehr ist wieder um eine Neuheit reicher.“
Im Herbst 1927 hieß es aus Konstanz, auf dem Bodensee sollen zwei Gleitboote in Betrieb gesetzt werden. Die Boote hätten bei einer Länge von 20 Metern und einer Breite von 4 Metern Platz für jeweils 50 Personen. Der Tiefgang der Boote soll lediglich 28 cm betragen. Durch den Antrieb mit Flugzeugmotoren sollen die vorderen Teile der Boote aus dem Wasser gehoben werden und mit bis zu 70 km/h über den See gleiten.

Unglaublich, denn seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war Graf Zeppelin: Bereits vor 1896 ließ dieser ein speziell als Luftschraubenboot konzipiertes Motorboot bauen, das nur „Das Luftschraubenboot“ genannt wurde. Zeppelin benutzte dieses Boot, das mit einem 12 PS-Motor versehen war, häufig, um Gästen auf der Fahrt von Friedrichshafen nach Manzell die Wirkungsweise der Luftschraube zu demonstrieren. Das offene Boot war 11,50 m lang, 2m breit und hatte einen Tiefgang von 30cm. Die Luftpropeller aus Aluminium erlaubten eine Geschwindigkeit von 15 km/h. Graf Zeppelin war jedoch nicht der erste, der sich mit der Gleitbootidee beschäftigte. In Paris interessierte sich schon seit 1890 Graf Charles de Lambert für diese neue Antriebsart. Sein erstes Modell war noch mit einer Dampfmaschine versehen, später baute er einen 60 PS-Benzinmotor ein. Damit erreichte sein Luftschraubenboot eine Geschwindigkeit von ca. 50 km/h.

Karl (am Steuer) und Walter Kittelberger (stehend) präsentierten 1933 ihr „Luftschraubenboot“ Kittelberger/Rupp

Um das „Kittelberger Luftschraubenboot“ wurde es in den kommenden Jahren recht still. Vermutlich ging es 1935 an einen privaten Käufer, der jedoch keine lange Freude mit dem Boot hatte, da es 1935 einen Totalschaden erlitt. „Bei einer Fahrt in der Bregenzer Bucht geriet das neue Motorboot des Besitzers Findler aus Bregenz, der einen Bekannten mit einem Kinde auf die Fahrt mitgenommen hatte, in Brand. Das Boot, das mit einem Flugzeugmotor und einem Propeller ausgerüstet war, brannte vollständig aus. Die Insassen mußten samt dem Kind das Land schwimmend erreichen.“ Die Geschichte des „Kittelberger Luftschraubenbootes“ endete somit am 11. Juni 1935. Nur einmal –im Sommer 1937 – erinnerte sich ein Bregenzer kurz und knapp: „Vor zwei Jahren verbrannte das lärmende Propellerboot.“ Zu dieser Zeit hatten sich Karl und Walter Kittelberger längst wieder erfolgreich dem Flugzeugbau zugewendet.

Willi Rupp, Jg. 1953, pensionierter Mittelschullehrer für Deutsch und Geschichte; beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Vorarlberger Verkehrsgeschichte. Kontakt: w.rupp@aon.at