Exklusive VN.at-Serie: Flugzeugbau in „Neu Amerika“

06.07.2019 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
1928 – Das „Skelett“ des Motorflugzeuges neben der alten Kittelberger-Flugzeughütte in Bregenz-Neu Amerika. Fotos: Kittelberger/Rupp Kleines Bild: Serienautor Willi Rupp.

Exklusive VN.at-Serie (Teil 4/6): Die „Kittelberger-Brüder“ und die Vorarlberger Luftfahrt

Bregenz In einer kleinen Boots- und Flugzeughütte im Gebiet „Neu Amerika“, das seit etwa der 1870er Jahre diesen Namen trägt, hatte Walter Kittelberger Mitte der 1920er Jahre begonnen, Segelflugzeuge zu bauen. 1929 entstand auch das bereits erwähnte Motorflugzeug WKM I „Bregenz“ in einer einfachen Werkstätte. Im Sommer 1934 vernichtete ein Feuer diese Werkstätte des kleinen, emporstrebenden Unternehmens „Kittelberger“. Die gänzlich aus Holz errichtete Hütte, in der sich „ziemlich viel Material für Segelflugzeuge“ befand, wurde zur Gänze ein Raub der Flammen.

Das neue Gebäude – errichtet 1935 – war nun keine „Hütte“ mehr sondern eine 30 Meter lange und 7 Meter breite Flugzeugbauhalle südwestlich des Sanatoriums Mehrerau, in der in den nächsten Jahren von Walter und Karl Kittelberger zahlreiche Flugzeuge gebaut wurden. Die Segelflugzeuge trugen die Bezeichnungen WKS – Walter Kittelberger Segelflugzeug – und galten als „Hochleistungssegelflugzeuge“. 1936 wurde es dann „amtlich“: Walter Kittelberger erhielt von der BH Bregenz einen Gewerbeschein „für den selbständigen Betrieb des Gewerbes Flugzeugbau“ mit dem Standort Neu Amerika Nr 3 ausgestellt.
Getestet wurden die Segelflugzeuge meist auf dem Pfänder, nachdem sie mit der Pfänderbahn nach oben gebracht worden waren. Die Landung erfolgte dann fallweise auf einem eigenen Flugfeld in Neu Amerika. Dort wurden später auch Bodenstarts mittels Motorwinden durchgeführt. Im September 1936 startete Karl Kittelberger mit der „WKS“ vom Pfänder aus. Nach einigen Hangschleifen bekam das Flugzeug eine Startüberhöhung von 450 Metern, flog nach Hard, ohne an Höhe zu verlieren. Nach Einbruch der Dunkelheit musste der mehr als zweistündige Flug auf dem Fluggelände in Neu Amerika beendet werden.

Die neue Kittelberger-Flugzeughalle in Neu Amerika (1935)

Im Juni 1938 startete er mit der neuen „WKS III“ – ein Hochleistungssegelflugzeug aus der Werkstätte Kittelberger – zu einem Dauerflug auf dem Pfänder. Bei günstigem Westwind erreichte Kittelberger eine Startüberhöhung von 800 Metern, flog nach Lindenberg und Dornbirn, kreuzte und kurvte den ganzen Nachmittag über dem Pfändergebiet bevor er nach einer Flugzeit von 9 Stunden und 35 Minuten auf dem Fluggelände in Neu Amerika „unter dem jubelnden Beifall der vielen Zuschauer“ aufsetzte. Die Flügel der „WKSIII“ waren nach dem bewährten Profil „Göttingen 535“ gebaut und erlaubten dem freitragenden Mitteldecker eine Höchstgeschwindigkeit bis 160 km/h. Die gewöhnliche Fluggeschwindigkeit lag bei 65 km/h und das Gewicht des Piloten sollte maximal 80 kg betragen. Die WKS III eignete sich besonders gut für Thermikflüge und konnte sogar „längere Zeit freihändig geflogen werden“.
Eindrücke einer Betriebsführung im Mai 1937: „Wie sich der motorlose Flug und der Segelflugsport im letzten Jahrzehnt in Vorarlberg entwickelt hat, davon gab ein Besuch der Flugzeugbauhalle der Gebrüder Walter und Karl Kittelberger in Bregenz hinreichend Aufschluss. Südwestlich des Sanatoriums Mehrerau steht die beiläufig dreißig Meter lange und sieben Meter breite Halle. Auf zwei Gestellen ruhen im Rohbau zwei H-17-Maschinen, von denen derzeit fünf nach den Plänen des Salzburger Konstrukteurs Hütter in Bau genommen werden. Heiß brütet die Maisonne auf das Dach der Halle und der frische Geruch von Föhren-, Fichten- und Eschenholz, das ausschließlich zum Bau von Segelflugzeugen verwendet wird, mischt sich mit dem Dunst des Leimtopfes. Karl Kittelberger übernimmt die Führung. Auf abflug- und fahrbereitem Gestell ruht in einer eigenen Abteilung der Stolz und die Freude der beiden Brüder, ihr Hochleistungsflugzeug WKSIII. Die schöne Maschine wurde nach den Plänen von Walter Kittelberger gebaut. Sie ist ein freitragenden Mitteldecker, der hauptsächlich als Streckenflugzeug und für Thermikflüge Verwendung finden soll. (…) Dieses Hochleistungssegelflugzeug dürfte zweifellos zu einem der ersten und besten in Österreich gehören.“

Tragfläche vor der Fertigstellung Kittelberger/Rupp

1938 – kurz nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich erhielt die Fa. Kittelberger vom Reichsluftfahrtministerium (RLM) den Auftrag, das Segelflugzeug „Kranich II“ als Ausbildungsflugzeug für die Luftwaffe zu bauen. Einer dieser „Kraniche“ hat bis heute überlebt. Als nach dem Kriegsende die Alliierten den Befehl für die Zerstörung sämtlichen Flugmaterials ausgaben, verblieben in einem Hangar in Höchst/Gaißau neun Kraniche und einige andere Flugzeuge, die in einer Nacht- und Nebel-Aktion mit Unterstützung der Franzosen über die Schweizer Grenze zur Segelfluggruppe Säntis gelangten. Ein „Kranich II-B1“ mit der Kennung D-4788 ist heute wieder flugbereit restauriert im Fliegenden Museum Hahnweide und zählt zu einem von weltweit 5 flugbereiten „Kranichen“ dieses Typs.

Willi Rupp, Jg. 1953, pensionierter Mittelschullehrer für Deutsch und Geschichte; beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Vorarlberger Verkehrsgeschichte. Kontakt: w.rupp@aon.at

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