Ein Fest der automobilen Sinne

Motor / 12.07.2019 • 10:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Dieses Festival stellt seit 26 Jahren alles in den Schatten: Goodwood begeistert Autofans weltweit.

Westhampnett Nicht einmal 1000 Einwohner zählt das kleine Dorf Westhampnett, das etwa 125 Kilometer südwestlich der Metropole London liegt – aber jeden Sommer strömen Zigtausend Besucher in die Gemeinde. Etwa 150.000 Autoenthusiasten tummeln sich dann auf dem Festival of Speed, einem der verrücktesten Autoevents weltweit, das Charles Henry Gordon-Lennox, auch bekannt als Lord March oder Duke of Richmond, im Jahr 1993 gründete. Der eigentliche Mittelpunkt der Veranstaltung, der so genannte „Hill Climb“, also das Bergrennen des Herrenhauses Goodwood, macht inzwischen lediglich einen Bruchteil der Veranstaltung aus.

Schon bei der Anreise weht den Besuchern benzingetränkte Luft entgegen, und das, was kundige Augen erblicken, geht unter die Haut. Es ist für so ziemlich alle Automobilgeschmäcker etwas dabei. Hochgezüchtete 600-PS-Supersportler aus dem Hause Ferrari oder Lamborghini bilden wechselnd mal eine V8- oder V12-Klangkulisse, während die Riley-Limousine aus den Sechzigern für die olfaktorische Bereicherung verantwortlich zeichnet.

Der Weg ist das Ziel

Zum Goodwood House reisen bedeutet, immer auch ein bisschen Geduld mitzubringen. Die Staus vor den riesengroßen Rasen- je nach Witterung auch Matsch-Parkplätzen – werden für den Autofan immerhin durch das gebotene Vierädrige versüßt ganz nach dem Motto „der Weg ist bereits ein bisschen Ziel“.

Angekommen auf dem Festival-Gelände, wird der Strauß an Wahrnehmungen bunter. Es ist ein Jahrmarkt der automobilen Welt. Hersteller preisen ihre Produkte an wie auf einer Automesse. Doch damit kann der Auto-Liebhaber natürlich umgehen. Da steht an der Seite des Ford-Zeltes ganz belanglos ein neuer GT – hochlimitierter und eine halbe Million Euro schwerer Supersportwagen. Und zwei Reihen weiter kämpft eine Ente alias Citroën 2CV um Aufmerksamkeit.

Auch jenseits der Hersteller gibt es viel Automobiles zu entdecken: So darf man ohne Berührungsängste in die Fahrerlager mitsamt der historischen Rennsportwagen plus Fahrer. Da stehen Preziosen wie diverse Bugatti aus den Dreißigern oder Ferrari aus den Fünfzigern von beachtlichen Werten ebenso wie Autos aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts, die ihrerseits an der berühmten Targa Florio teilgenommen haben.

Namhafte Auktionshäuser bemühen sich, seltene fahrbare Untersätze an den Mann oder die Frau mit dicker Brieftasche zu bringen. Und wenn man sich Schätzchen wie Bristol 400 Zagato oder Bugatti Type 57S Atlantic eben nicht leisten kann, so darf man die Fahrzeuge wenigstens ausgiebig inspizieren, wenn auch nur mit den Augen.

Exotenmarke gibt Lebenszeichen

Die eigentlich längst verflossene Automarke DeTomaso nutzt die Bühne des Festival of Speed, um just zu ihrem 60-jährigen Jubiläum den Mittelmotor-V12-Sportler P72 zu präsentieren. Man darf gespannt sein, ob die im Verhältnis zur Exklusivität fast wohlfeil eingepreisten 72 Exemplare zu je einer Dreiviertelmillion Euro tatsächlich gebaut werden.

Beim Schlendern entlang der Rennstrecke geben historische und moderne Racer verschiedener Art bis hin zum originalen Alfa Romeo Formel 1-Wagen alles, das menschliche Gehör auf eine betörende Art und Weise einer Belastbarkeitsprobe zu unterziehen. Selbst der vollelektrische Rennwagen Volkswagen ID.R bleibt nicht lautlos, wenn er in seinem Element ist. Volkswagen hat die Reise nach Südengland unternommen, um zu zeigen, dass man auch elektrisch Rekorde beim Bergrennen aufstellen kann und beweist das mit der schnellsten dort je gemessenen Fahrt. Porsche führt den neuen Taycan vor und die nächste Generation freidrehender Sauger in Rennderivaten des 911.

Nach einem langen, schrittreichen Erlebnis auf dem Gelände des Festivals eignet sich das Riesenrad perfekt, um den ereignisreichen Tag ausklingen zu lassen. Und wenn man nicht zu spät aufbricht, schafft man es, umzingelt von raren, skurrilen und teuren Autos, sogar staufrei Richtung Heimat. SP-X