Der Wehrwirtschaftsbetrieb „Flugzeugbau Kittelberger“

Motor / 13.07.2019 • 14:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
1939 – die „Kittelberger-Zentrale“ in Höchst. Kleines Bild: Serienautor Willi Rupp. FOTOS: KITTELBERGER/RUPP

Exklusive vn.at-Serie (Teil 5/6): Die „Kittelberger-Brüder“ und die Vorarlberger Luftfahrt

Bregenz Im 1935 gegründeten Unternehmen „Flugzeugbau Kittelberger“ in Bregenz- Neu Amerika wurden in einer 30 mal 7 Meter großen Halle verschiedene Segelflugzeugtypen gebaut. Während des Frankreichfeldzuges wurde die Bregenzer Firma im Juni 1940 zum Wehrwirtschaftsbetrieb erklärt und zunächst mit der Reparatur von Segelflugzeugen beauftragt. Das kleine Unternehmen verzeichnete in der Folge einen rasanten Aufstieg. Schon im Dezember 1939 hatte Kittelberger die ehemalige Klöppelspitzenfabrik der Schweizer Eigentümer Iklé-Frères in Höchst übernommen. Hier standen großzügig dimensionierte Produktionsflächen von insgesamt 5.720 m² zur Verfügung. Nach einer Erhebung im Februar 1944 waren bei „Flugzeugbau Kittelberger“ 287 Personen – 206 Männer und 81 Frauen – tätig, davon waren 84 französische Zivilarbeiter(innen) und 19 Ostarbeiterinnen.

Im Werk Bregenz waren auch Kriegsgefangene beschäftigt. Nach einer Inspektion im November 1941 meldete Hauptmann Kiechel vom Rüstungskommando Innsbruck: „Mit den 20 französischen Kriegsgefangenen im Werk Bregenz ist die Firma außerordentlich zufrieden, sie sind zum Teil sogar besser als die einheimischen Arbeiter. Diese Gefangenen werden allerdings gut behandelt und erhalten zeitweise von der Firma Obst und andere kleine Zubußen.“ 1946 schrieb Walter Kittelberger: „Ich setzte Kriegsgefangene (sogar) in der Buchhaltung ein!“ Nicht mehr zufrieden war das Rüstungskommando im August 1943: „Es wird (bei Kittelberger) noch im Stundenlohn gearbeitet. Die Umstellung auf Stücklohn bzw. Gruppenakkord ist beschleunigt vorzunehmen und vom Rü Kdo zu überwachen.“

95 Prozent für Dornier

„Ab 1939 fertigten mein Vater Walter und mein Onkel Karl in ihren Betrieben die Segelflugzeuge Hütter H 17 und H 28, Zögling, SG 38, Grunau Baby, WKS I, WKS II, WKS III sowie Kranich II. Danach wurden Rumpfunterteile, Liegewannen der Do 217, Höhenruder der Me 109 aus Sperrholz gefertigt“, berichtet Alfred Kittelberger. Historiker Harald Walser erforschte Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit: „Im Herbst 1943 arbeitete das Unternehmen zu 95 Prozent für die Dornier-Werke, zum damaligen Zeitpunkt fast ausschließlich für die Do 217.“ 1944 hatte Kittelberger einen Auftrag von 9.900 Leitwerken für die Me 109 und 1500 Satz zu je vier Stück Sturzflugbremsen. Weiters wurden für Dornier Triebwerksverkleidungen und Fahrwerkklappen hergestellt, später kamen Aufträge für Bomberklappen, Laminarflügel etc. hinzu. Für die Messerschmittwerke in Augsburg wurden Höhenleitwerke und Ruder produziert.

Die Flugzeug-Endmontage in Höchst
Bau der Sturzflugbremsen für das „Grunau Baby“ bei Schoeller

Bereits im Juni 1943 war ein Teil der Produktion in die Bregenzer Textilfirma Schoeller verlagert worden, wo auf einer Betriebsfläche von 1.200 m² vorwiegend Holzteile für Dornier gefertigt wurden. Auch in der ehemaligen Weberei Kastner in Lauterach-Lerchenau wurden von 47 Kittelberger-Mitarbeitern Teilfertigungen und Reparaturarbeiten für Dornier erledigt. Ein weiteres Kittelberger-Objekt befand sich in Hard-Mittelweiherburg in einem alten Fabrikgebäude, in dem das Zentrallager untergebracht war.

Kittelberger-Zentrallager in Hard-Mittelweiherburg
Betrieb Lerchenau – 1944

Bereits 1942 gab es konkrete Pläne für „Flugzeugbau Kittelberger“ in Markt Oberndorf (Bayern) ein neues Werk für bis zu 800 (!) Arbeitskräfte zu errichten – wobei es jedoch beim Plan blieb. Kittelberger war auf Holzflugzeugteile spezialisiert. Als 1942/43 eine Umstellung auf Metallteilherstellung erfolgen musste, gab es große Probleme bei der Fertigung, so dass im April 1943 wieder auf Holzfertigung umgestellt wurde.

Geplantes Kitteldorfer-Werk in Markt Oberdorf

„Ein Sauhaufen“

Durch seine Segelfliegerei war Walter Kittelberger schon seit 1934 Mitglied beim Österreichischen Aero-Club gewesen, dessen Mitglieder nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich in das Nationalsozialistische Flieger Korps (NSFK) übernommen wurden. Kittelberger war bereits beim österreichischen Luftamt in Wien als technischer Sachverständiger in Verwendung gestanden. Deshalb wurde Kittelberger – weil angeblich als „Anti-Nazi“ bekannt – wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ zunächst nicht in den NSFK übernommen. „Nach einigen Wochen wurde ich jedoch infolge meiner technischen Kenntnisse wieder aufgenommen und (…) später zum Obertruppführer eingestuft.“

Die Kantine im Werk Rheinau-Höchst hatte Platz für 150 Personen. Kittelberger/Rupp

Bei einer schriftlichen Stellungnahme vom 3. April 1946 bezeichnete Walter Kittelberger seine Jahre während der NS-Zeit als „Martyrium“. „Dreimal wurde mir mit der Wegnahme des Betriebes gedroht, weil mein Mitarbeiterstab (in welchem sich keine Nazis befanden) nach Ansicht der Kreisleiter ein ’Saufhaufen‘ war. Ausschließlich hatte ich Sozialisten, Kommunisten und Angehörige der ehemaligen Christlichen Parteien in meinem Stabe. (…) Ich hatte Obermeister, die wegen Hochverrat über 1 Jahr Zuchthaus hatten. Kommunisten wurden von mir schon lange vor Kriegsende mit Munition versorgt. Kriegsgefangene verkehrten in meinem Hause privat. Männern der Widerstandsbewegung gab ich geheime Anordnungen und Bescheide bekannt (…). Es ist klar, dass ich unter den damaligen Verhältnissen sehr viel, ja sogar meinen Kopf riskierte und da ich ohnehin bei der Partei in Ungnade war, ich diesen auch verloren hätte (…).“
Außerdem schrieb Walter Kittelberger, dass er beweisen könne, „dass ich den Betrieb schon im Oktober 1944 hätte schließen müssen, da der Betrieb ohne jede Mittel finanzieller Art dastand. Ich habe dies nicht getan und stellte mein ganzes Vermögen in den Betrieb, nur um die notwendigsten Löhne zu bezahlen.“ Zudem wurde Kittelberger – nach seiner Aussage – gegen Kriegsende ein Beauftragter der Waffen-SS auf den Hals gehetzt, „um die ohnehin schon bekannte Nachlässigkeit meinerseits der Fertigung gegenüber zu überwachen.“ Bei Kriegsende im Mai 1945 wurde die Firma „Flugzeugbau Kittelberger“ von den Franzosen geschlossen und die Anlagen demontiert.

Willi Rupp, Jg. 1953, pensionierter Mittelschullehrer für Deutsch und Geschichte; beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Vorarlberger Verkehrsgeschichte. Kontakt: w.rupp@aon.at