Sasa Stanisic gewinnt den Deutschen Buchpreis

APA Ticker / 14.10.2019 • 20:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Als sich Saša Stanišić erhebt, fällt es ihm schwer zu sprechen. Vor wenigen Augenblicken hat er erfahren, dass er für seinen Roman „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis 2019 erhält. Viel Ehre, garantierte Verkaufzahlen und 25.000 Euro Preisgeld sind damit verbunden. Aber nicht vor Rührung versagt seine Stimme: Der 41-Jährige ist krank und außerdem wütend.

„Bitte halten Sie eine Spuckdistanz Abstand“, rät er den Gratulanten im Kaisersaal des Frankfurt Römer. Er habe eine Schilddrüsenentzündung, „nicht angenehm“, am Morgen habe er die Zahnpastatube nicht öffnen können, so sehr schmerzten seine Muskeln. „Ich freue mich wirklich immens über diesen Preis“, sagte der sichtbar Kranke, aber eine andere Ehrung habe ihm die Freude über seine eigene Auszeichnung „vermiest“.

Stanišić wurde 1978 im bosnischen Visegrad geboren, mit 14 Jahren floh er vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland. Peter Handke, der in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, hatte in den 1990er-Jahren für Serbien Partei ergriffen. Stanišić bittet Zuhörer erst höflich um Nachsicht, dass er seine Redezeit nutze, „um mich zu echauffieren“ – dann legt er los.

„Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“, sagte der heute in Hamburg lebende Autor. „Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat.“ Er könne nicht nachvollziehen, „dass man sich die Wirklichkeit, mit der man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur Lüge besteht.“

Er nehme den Buchpreis entgegen als Vertreter einer anderen Literatur, „einer Literatur, die nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet“.

In „Herkunft“ erzählt der 41-Jährige von seiner Großmutter, die langsam das Gedächtnis verliert, über die Flucht der Familie nach Deutschland und behandelt dabei die Frage, welche Rolle Herkunft überhaupt spielt. Seine Antwort: keine. „Herkunft ist Zufall“, sagt Stanišić in einem bei der Preisverleihung gezeigten Video-Einspieler.

„Ich verstehe das Beharren auf dem Prinzip der Nation nicht. Ich verstehe nicht, dass Herkunft Eigenschaften mit sich bringen soll“, heißt es im Roman. Für ihn gilt: „Heimat ist das, worüber ich gerade schreibe.“ Müsste die Familie heute fliehen, erzählt Stanišić, würde die Reise an einem ungarischen Stacheldraht enden. Seine Eltern wurden ausgewiesen, er durfte Deutsch lernen und bleiben.

„Saša Stanišić ist ein so guter Erzähler, dass er sogar dem Erzählen misstraut“, begründet die Jury ihre Wahl. „Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist.“ Der Autor beweise große Fantasie und verweigere sich „der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit“.

Am Ende lädt Stanišić den Leser sogar zu einem Spiel ein: Er darf selbst entscheiden, wie die Geschichte weitergeht. „Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen“, teilte die Jury mit, die neben Stanisic noch fünf weitere Autoren nominiert hatte, die nun je 2.500 Euro erhalten: die 29-jährige Wienerin Raphaela Edelbauer („Das flüssige Land“), der 27-jährige in Neu-Delhi geborene Wiener Tonio Schachinger („Nicht wie ihr“) sowie Norbert Scheuer („Winterbienen“), Jackie Thomae („Brüder“) und Miku Sophie Kühmel („Kintsugi“) aus Deutschland.

Der 2005 ins Leben gerufene Deutsche Buchpreis wird traditionell am Vorabend der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Der angeschlagene Preisträger wünschte daher zum Abschied eine gute Buchmesse. Den Besuchern gab er einen Rat mit auf den Weg: „Lassen Sie sich nicht anstecken – außer von guter, verkäuflicher und unverkäuflicher Literatur.“