Iran gibt den USA Mitschuld am Flugzeugabschuss nahe Teheran

APA Ticker / 15.01.2020 • 12:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Der iranische Außenminister Mohammed Javad Zarif hat den USA vorgeworfen, für den irrtümlichen Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs mit 176 Toten nahe Teheran mitverantwortlich zu sein. Zuvor hatten US-Zeitungen von einem Video berichtet, das zeigen soll, wie das Flugzeug von zwei iranischen Raketen abgeschossen wurde.

Bei dem Abschuss der Linienmaschine inmitten des eskalierenden Konflikts zwischen den USA und dem Iran waren am 8. Jänner nahe Teheran alle 176 Menschen an Bord ums Leben gekommen. „Warum ist es passiert? Weil es eine Krise gab. Menschen machen Fehler – unverzeihliche Fehler – aber es passierte in Krisenzeiten“, sagte Außenminister Zarif bei einer Konferenz am Mittwoch in Neu Delhi.

Der iranische Chefdiplomat warf den USA vor, mit Ignoranz und Arroganz Chaos in der Region zu schüren. Den USA gehe es nur um ihre eigenen Interessen im Nahen Osten und ihre eigene Sichtweise.

Nach dem Abschuss des ukrainischen Flugzeugs soll ein weiteres Video nun zeigen, dass die Maschine von zwei iranischen Raketen getroffen wurde. Das berichteten die „New York Times“ und das „Wall Street Journal“ am Dienstag (Ortszeit). Beide Blätter gaben unabhängig voneinander an, Aufnahmen aus einer Überwachungskamera verifiziert zu haben.

Auf den verschwommenen Aufnahmen ist demnach zu sehen, wie zwei Geschosse im Abstand von 20 bis 30 Sekunden das Flugzeug treffen. Den Berichten zufolge wurden diese aus knapp 13 Kilometern Entfernung von einem iranischen Militärstützpunkt abgefeuert.

Der „New York Times“ zufolge soll das neue Video vom Dach eines Gebäudes im Dorf Bidkaneh gut sechs Kilometer von dem iranischen Militärstützpunkt entfernt aufgenommen worden sein. Es sei in der Nacht auf Dienstag von einem iranischen Nutzer bei YouTube hochgeladen worden.

Das ukrainische Flugzeug war am 8. Jänner inmitten der militärischen Konfrontation mit den USA nach iranischen Angaben irrtümlich abgeschossen worden. Zunächst hatten die iranischen Behörden tagelang von einem technischen Defekt gesprochen. Am Samstag hatte der Iran dann eingeräumt, für den Absturz des Passagierflugzeugs mit 176 Opfern verantwortlich zu sein.

Das neue Video könnte den Berichten zufolge auch eine Erklärung dafür liefern, warum das Kommunikationssystem des Flugzeugs nicht funktioniert habe, bevor die Maschine von der zweiten Rakete getroffen wurde. Möglicherweise habe die erste Rakete das System außer Betrieb gesetzt, bevor das Flugzeug ein zweites Mal getroffen worden sei. Keine der beiden Raketen habe die Maschine sofort zum Absturz gebracht. Vielmehr habe sie Feuer gefangen und sei zunächst in Richtung des Flughafen zurückgesteuert, bevor sie explodiert und abgestürzt sei.

Das verschwommene Video, das von einem Dach in einem Dorf in einigen Kilometern Entfernung von einer iranischen Militäranlage aufgenommen wurde, zeigt die brennende Passagiermaschine, die schlingernd versucht, zum Flughafen Teheran zurückzufliegen. Kurz darauf explodierte die Maschine und stürzte ab.

Der Iran hatte erst nach tagelangen Dementis und massivem internationalen Druck den versehentlichen Abschuss der Passagiermaschine zugegeben, bei dem am vergangenen Mittwoch alle 176 Insassen umgekommen waren.

Der Iran hatte zum Zeitpunkt des Abschusses der Maschine mit Raketenangriffen auf US-Stützpunkte im Irak auf die Tötung des iranischen Top-Generals Qassem Soleimani durch die USA geantwortet. Das ukrainische Flugzeug sei in diesem Zusammenhang versehentlich abgeschossen worden. Offenbar befürchtete Teheran US-Gegenangriffe.

Die iranische Führung steht wegen ihres Umgangs mit der Katastrophe auch im eigenen Land erheblich unter Druck. In den vergangenen Tagen gab es immer wieder wütende Proteste. Am Dienstagabend soll es erneut Proteste an Teheraner Universitäten gegeben haben sowie Zusammenstöße zwischen Studenten und den regierungstreuen Basij-Milizen, wie in Onlinenetzwerken verbreitete Videos zeigten.

Angesichts der Proteste rief der iranische Präsident Hassan Rouhani zu einem radikalen Wandel der Politik in seinem Land auf. „Die Menschen wollen mit Aufrichtigkeit, Anstand und Vertrauen behandelt werden“, erklärte Rouhani am Mittwoch im Ministerrat. Er forderte die Iraner zugleich zur „nationalen Einheit“ auf. Seine Ansprache wurde live im Staatsfernsehen übertragen, was als außergewöhnlich gilt.

Die Streitkräfte seines Landes rief Rouhani auf, sich für den Abschuss und die anschließende Informationspolitik zu entschuldigen und zu erklären, was genau passiert sei. Damit solle den Menschen gezeigt werden, dass die Armee „nichts verheimlichen“ wolle.

„Das Volk ist unser Meister, und wir sind seine Diener“, erklärte Rouhani weiter. „Der Diener muss den Meister mit Bescheidenheit, Genauigkeit und Ehrlichkeit ansprechen.“