NSU-Mordserie: Prozess gegen Neonazis eröffnet

Politik / 06.05.2013 • 22:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Enormes Medieninteresse: die Tochter eines der Terror-Opfer gestern vor dem Prozessauftakt in München. Fotos: reuters
Enormes Medieninteresse: die Tochter eines der Terror-Opfer gestern vor dem Prozessauftakt in München. Fotos: reuters

Zehn kaltblütige Morde und zwei Bombenanschläge: Prozessauftakt in München.

München. Eine eisern schweigende Hauptangeklagte, offensive Verteidiger und strenge Sicherheitsvorkehrungen: 13 Jahre nach dem ersten Mord der rechtsextremen Terrorgruppe NSU hat am Montagvormittag der Prozess um die Verbrechensserie begonnen. Am Nachmittag wurde der Prozess wegen der nötigen Entscheidung über Befangenheitsanträge bis 14. Mai unterbrochen.

Fünf vor dem Richter

In dem mit Spannung erwarteten Verfahren vor dem Münchner Oberlandesgericht müssen sich neben der Hauptangeklagten Beate Zschäpe vier mutmaßliche Helfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) verantworten. Es ist einer der bedeutendsten Prozesse in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die Terrorzelle soll zwischen 2000 und 2007 acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer sowie eine deutsche Polizistin kaltblütig ermordet haben. Zudem wird der NSU für zwei Bombenanschläge und etliche Banküberfälle verantwortlich gemacht. Erst Ende 2011 flog die Bande auf.

Das Verfahren begann mit fast halbstündiger Verspätung und wurde wenig später unterbrochen. Grund war ein Befangenheitsantrag von Zschäpes Verteidigern gegen den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl. Das Gericht stellte den Befangenheitsantrag vorläufig zurück. Der Mit­angeklagte Ralf Wohlleben lehnte zudem auch zwei weitere Richter wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Wegen der nötigen Entscheidung über Befangenheitsanträge wurde der Prozess bis 14. Mai unterbrochen. Bisher sind 80 Verhandlungstage angesetzt, zunächst bis Jänner 2014. Der Prozess könnte aber bis zu zweieinhalb Jahre dauern.

80 Nebenkläger

Zschäpe wurde ohne Handschellen ins Gericht gebracht. Sie hat sich nicht zu den Vorwürfen geäußert und will auch im Prozess schweigen. Von den 80 zugelassenen Nebenklägern nahmen 26 am Prozessauftakt teil. Die Nebenkläger werden von etwa 60 Anwälten vertreten.

Zschäpe muss sich vor Gericht als Mittäterin bei allen Taten der Terrorzelle verantworten. Ihr droht lebenslange Haft. Die heute 38-Jährige soll den NSU zusammen mit ihren Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gebildet haben. Sie ist die einzige Überlebende – Mundlos und Böhnhardt, die die zehn Menschen erschossen haben sollen, töteten sich im November 2011, um einer Festnahme zu entgehen.

Chronologie

19. Jänner 2001, Köln: In einem iranischen Lebensmittelgeschäft explodiert ein Sprengsatz. Die 19-jährige Tochter des Inhabers wird schwer verletzt.

13. Juni 2001, Nürnberg: Mundlos und Böhnhardt erschießen den Türken Abdurrahim Özüdogru (49) in seiner Änderungsschneiderei.

27. Juni 2001, Hamburg: Der türkische Händler Süleyman Tasköprü (31) stirbt durch mehrere Kopfschüsse in seinem Lebensmittelgeschäft.

29. August 2001, München: Mundlos und Böhnhardt erschießen den türkischen Gemüsehändler Habil Kilic (38) in seinem Geschäft.

25. Februar 2004, Rostock: Die Rechtsterroristen töten den türkischen Imbissverkäufer Yunus Turgut (25).

9. Juni 2004, Köln: Die Terroristen zünden eine Nagelbombe vor einem türkischen Friseursalon in der Keupstraße. 22 Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

9. Juni 2005, Nürnberg: Ismail Yasar (50) wird in seinem Döner-Imbiss getötet.

15. Juni 2005, München: Der Grieche Theodoros Boulgarides (41) stirbt durch drei Kopfschüsse in seinem Schlüsseldienst-Laden.

4. April 2006, Dortmund: Mundlos und Böhnhardt töten den türkischstämmigen Kioskbetreiber Mehmet Kubasik (39).

6. April 2006, Kassel: Halit Yozgat (21) stirbt durch Schüsse in seinem Internet-Café.

25. April 2007, Heilbronn: Die Polizistin Michèle Kiesewetter (22) wird erschossen, ihr Kollege (24) überlebt schwer verletzt.