Ausnahmezustand nach einem Blutbad in Ägypten ausgerufen

Politik / 14.08.2013 • 21:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anhänger der Muslimbruderschaft bringen einen Mitstreiter in ein Lazarett: Demonstranten berichteten gestern von insgesamt 10.000 Verletzten. Foto: AP
Anhänger der Muslimbruderschaft bringen einen Mitstreiter in ein Lazarett: Demonstranten berichteten gestern von insgesamt 10.000 Verletzten. Foto: AP

Sicherheitskräfte räumten Protestlager: Zahl der Todesopfer vorerst nicht absehbar.

Kairo. Der ägyptische Übergangspräsident Adli Mansur hat gestern nach schweren Unruhen für einen Monat den Notstand ausgerufen. Nach Angaben des Innenministeriums sind auch 43 Polizisten ums Leben gekommen. Damit stieg die Zahl der Todesopfer in der Nacht nach offiziellen Angaben auf mindestens 278. Zuvor hatte das Gesundheitsministerium in Kairo berichtet, dass mindestens 235 Zivilisten getötet und 1403 verletzt wurden. Die Demonstranten selbst sprachen von mehr als 2200 Toten und 10.000 Verletzten.

Armee und Polizei hatten am Morgen mit der Räumung von zwei Protestlagern der Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi in Kairo begonnen. Dabei kam es zu Zusammenstößen. Im Laufe des Tages wurde aus mehreren anderen Städten weitere Gewalt gemeldet. Die Präsidentschaft begründete die Verhängung des Ausnahmezustands mit der „Gefahr für Sicherheit und Ordnung“ durch „gezielte Sabotage und Angriffe auf private und öffentliche Gebäude und den Verlust an Leben durch extremistische Gruppen“. Übergangspräsident Mansur habe „die Streitkräfte in Kooperation mit der Polizei beauftragt, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um Sicherheit und Ordnung zu wahren.“

Sympathisanten Mursis hatten gestern, nachdem die Polizei ihre Protestlager in Kairo attackiert hatte, mehrere öffentliche Gebäude gestürmt. In Sohag, Al-Minija und Al-Arisch griffen Extremisten Kirchen an. Bei der blutigen Räumung der Protestlager in Kairo wurde am Mittwoch ein Kameramann des britischen Senders Sky News erschossen. „Er wurde von einer Kugel getroffen und ist trotz medizinischer Versorgung kurz darauf gestorben“, teilte der Sender mit. Der 61-jährige Mick Deane habe seit 15 Jahren für Sky News gearbeitet und sei ein erfahrener und begabter Journalist gewesen. Unter den Opfern des tödlichen Polizeieinsatzes in Kairo ist offenbar auch die Tochter eines Anführers der Muslimbruderschaft. Asmaa al-Beltagui (17) sei bei den Zusammenstößen am Protestlager auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz getötet worden, sagte der Sprecher der Muslimbrüder.

el-Baradei zurückgetreten

Nach den Unruhen trat Nobelpreisträger Mohammed el-Baradei gestern Abend als ­Vizepräsident zurück. „Ich habe meinen Rücktritt eingereicht, weil ich nicht die Verantwortung für Entscheidungen, mit denen ich nicht einverstanden bin, tragen kann“, sagte er. Die Polizei hätte die Protestlager der Islamisten nicht mit Gewalt räumen müssen. Es seien noch nicht alle friedlichen Alternativen ausgeschöpft gewesen. „Bedauerlicherweise werden diejenigen, die zu Gewalt und Terror aufrufen, von dem, was heute geschehen ist, profitieren“, so el-Baradei.

Die Gewaltanwendung wäre nicht notwendig gewesen.

Mohammed El-Baradei
Blieb zurück: Porträt des gestürzten Präsidenten Mursi. Foto: AP
Blieb zurück: Porträt des gestürzten Präsidenten Mursi. Foto: AP
Spezialeinheiten der Polizei begannen gestern früh die Protestlager der Muslimbruderschaft zu räumen. Foto: AP
Spezialeinheiten der Polizei begannen gestern früh die Protestlager der Muslimbruderschaft zu räumen. Foto: AP