Kalte Progression: Stille Steuererhöhung bringt dem Fiskus Milliarden

Politik / 20.08.2013 • 21:35 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Auch die Freiheitlichen kämpfen für die Abschaffung.

Wien. (VN-joh) Im Extremfall reicht eine Lohnerhöhung von einem Cent, um in eine regelrechte Steuerfalle zu geraten; statt null werden dann plötzlich mehr als 70 Euro Lohnsteuer fällig: Schuld daran ist die kalte Progression (siehe „Stichwort“ dazu).

Selbst wenn Einkommen, Löhne und Pensionen nur teilweise wertgesichert werden, können die Betroffenen in einen höheren Grenzsteuersatz rutschen und Geld verlieren; die Tarifstufen, ab denen die Grenzsteuersätze gelten, werden nämlich nicht verändert. Bis 11.000 Euro wird nichts abgezogen; von jedem Cent darüber (bis 25.000 Euro) gehen gleich 36,5 Prozent an den Fiskus.

Der Staat macht sich damit ein schönes Körberlgeld: Christian Keuschnigg, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), sprach unlängst von einer „stillen Steuererhöhung“, die relativ dringend zurückgenommen werden sollte. Nach Schätzungen von Ludwig Strohner vom Institut „EcoAustria“ auf Grundlage der Einkommen- und Lohnsteueraufkommen dürften die Einnahmen der öffentlichen Haushalte am Ende dieser Legislaturperiode allein aufgrund der kalten Progression um 3,1 Milliarden Euro höher sein als zu Beginn: 2009 bis 2012 habe das Plus durchschnittlich 600 Millionen Euro jährlich betragen; für heuer seien sogar 700 Millionen Euro zu erwarten. Strohner: „Die kalte Progression ist der Hauptgrund für Steuerreformen etwa alle vier Jahre.“

FPÖ und BZÖ für Streichung

Die Regierungsparteien wollen sich die Möglichkeit, regelmäßig Steuersenkungen durchzuführen, nicht nehmen lassen: Sie halten an der kalten Progression fest. Ganz im Gegensatz zu FPÖ und BZÖ, die ihre Abschaffung fordern.

Die kalte Progression führt zu Steuerreformen etwa alle vier Jahre.

Ludwig Strohner

Stichwort

Kalte Progression und ihre Wirkung

Wie die stille Steuererhöhung funktioniert

» Kalte Progression
Weil die Tarife in der Lohn- und Einkommensteuer nicht an die Teuerung (Inflation) angepasst werden, sind immer mehr Arbeitnehmer automatisch von einem höheren Grenzsteuersatz betroffen. Sie müssen also plötzlich viel mehr an den Fiskus abliefern.

» Konkretes Fallbeispiel

Arbeiter, Angestellte und Pensionisten, die monatlich 1050 Euro brutto erhalten, müssen keine Lohnsteuer zahlen; der Grenzsteuersatz beträgt in ihrem Fall „null Prozent“. Sollten sie auch nur einen Cent mehr bekommen, werden sie schlagartig zu Steuerzahlern. Bei einem Bruttomonatseinkommen von 1050,01 Euro zahlt ein Angestellter 71,08 Euro Lohnsteuer, ein Pensionist gar 82,38 Euro.