„Gesamtschule wird überbewertet“

Politik / 30.08.2013 • 21:52 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Bildungsexperte Salcher drängt auf neues Lehrerdienstrecht und Ganztagsschule.

Wien. (VN-joh) Die Bildungspolitik stehe vor einer Weichenstellung, so der Wiener Bildungsexperte und Autor mehrerer Fachbücher (u. a. „Der talentierte Schüler und seine Feinde“) Andreas Salcher: Der Druck, nicht mehr länger Interessenpolitik zu betreiben, sondern eine neue Richtung einzuschlagen und das zu tun, „was für Schüler und das Land gut ist“, steige.

Ausbau der Schulautonomie

Das Lehrerdienstrecht spiele eine große Rolle. So müsse geklärt werden, wie das Lehrerbild im 21. Jahrhundert ausschauen solle. Für Salcher besteht es eben nicht mehr daraus, dass „ein Lehrer eine Stunde hält und dafür bezahlt wird“. Sondern: „Der Lehrer hat einen anständigen Arbeitsplatz, verbringt den ganzen Tag an der Schule, hat Aufstiegsmöglichkeiten, kooperiert mit seinen Kollegen und ist mit einem starken Direktor konfrontiert.“

Die Schulen selbst müssten selbstständiger werden können, so Salcher: „Es kann nicht sein, dass sie weiterhin nur darüber entscheiden dürfen, was sie an schulautonomen Tagen machen.“ Das Bildungsministerium solle in Zukunft nur noch „pädagogische Ziele und gewisse Rahmenbedingungen“ vorgeben. Welche Lehrer eingesetzt werden und wie unterrichtet wird, soll dagegen den Schulen überlassen werden.

All das ist für Salcher wichtiger als die Gemeinsame Schule für Zehn- bis 14-Jährige: „Das wird überbewertet. Entscheidend ist, dass sich an der Pädagogik und bei Auswahl und Ausbildung der Lehrer etwas ändert.“

Rückzug der Parteipolitik

Dennoch sieht Salcher eine große Hürde: die Parteien. Sie müssten selbst ihren politischen Einfluss auf die Schulen zurücknehmen. Und davor seien sie bisher immer zurückgeschreckt: „Das ist auch einer der Gründe dafür, dass seit Jahrzehnten nichts weitergeht.“

Jedenfalls notwendig sei der Übergang zu einer Ganztagsschule: „Alle guten Schulen der Welt sind ganztägig. Wobei es nicht um Nachmittagsbetreuung geht, sondern um verschränkten Unterricht mit individueller Förderung, Sport und vielen anderen Dingen mehr. Darüber muss man die Menschen aufklären. Die Vorbehalte gegen die Ganztagsschule kommen ja vor allem daher, dass viel zu wenig bekannt ist, wie sie funktioniert.“

Die Parteien müssten ihren Einfluss selbst zurücknehmen.

Andreas Salcher, Bildungsexperte