Heinz Gstrein

Kommentar

Heinz Gstrein

Mit Vollbart und Kopftuch voraus

Politik / 07.10.2013 • 21:48 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In der Türkei hat ein „Demokratiepaket“ von Regierungschef Recep Tayyip Erdogan das Kopftuchverbot in allen öffentlichen Einrichtungen außer Kraft gesetzt. Studentinnen war es schon länger gestattet, auf akademischem Boden bekopftucht zu erscheinen, ihren Professorinnen allerdings nicht. Von der künftigen Regelung bleiben nur Polizistinnen und Angehörige der Streitkräfte ausgenommen. Bei den Männern hingegen, die sich fortan einen Islamistenbart wachsen lassen dürfen, wird dieser auch mit Uniform zulässig.

Die Devise „Frauen bedeckt Euch!“ hatte vor Erdogan schon Sultan Abdül Hamit II. vor über 100 Jahren ausgegeben. Er steckte die damals bereits recht emanzipierten Damen und „höheren Töchter“ von Istanbul unter den schwarzen Carsaf, wie sich die damalige Kopftuchmode nannte. Dem „Panislamismus“ des Sultans diente die ostentative Frauenverhüllung als ideologisches Markenzeichen für dieses Konstrukt eines „geklonten“ statt des traditionellen Islam.

In solcher Kostümierung ließ er vor allem junge Frauen aufmarschieren, um gegen „westliche Einflüsse“ zu demonstrieren. So wurde das Kopftuch zum ersten Mal zu einer Art politislamischem Kampfhelm.

Kein Wunder, dass es vom Vater der modernen Türkei, Kemal Atatürk, in den 1920er-Jahren strikt verboten wurde, aber jetzt von Erdogan und seiner AKP-Partei wieder hochgespielt wird. Der „Turban“ – wie das Kopftuch neumodisch auf Neutürkisch genannt wird – dient als eine Art Frauen-Parteiabzeichen für Funktionärinnen und Abgeordnete dieser „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“. Die Gattin von Staatspräsident Abdullah Gül und Erdogans Frau Emine geben bereits das Beispiel dafür. In die Kommunalwahlen von 2014 will die AKP alle ihre Kandidatinnen bekopftucht senden.

Diese Entwicklung findet in der Türkei nicht nur Zustimmung. Doch sind es fast nur Männer, die sich dem neuen Kopfttuchtrend kritisch entgegenstellen. In Ankara spricht der Rechtsgelehrte Ahmet Kilicoglu die Befürchtung aus, dass der „Turban“ den ersten Schritt zur Totalverhüllung der „Burka“ und zu völliger Islamisierung der Türkei ist.

heinzgstrein@gmail.com

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