Lesen? Für eine Million ein Problem

Politik / 08.10.2013 • 21:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Lesen? Für eine Million ein Problem

OECD-Studie: Österreicher schneiden im internationalen Vergleich schlecht ab.

Wien. (VN-ritz) Lesen, Rechnen und Problemlösen gehört zu Alltag und Beruf dazu. Was davon die erwachsenen Österreicher gut und was weniger gut können, untersucht die erstmals durchgeführte OECD-Studie „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“ (PIAAC), eine Art „Erwachsenen-PISA“. Eine „kleine Revolution“ in der Bildungswissenschaft ist für Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer der Test, der alle zehn Jahren durchgeführt werden soll. 5100 zufällig aus dem Melderegister ausgewählte Personen von 16 bis 65 Jahren haben teilgenommen. Und geben die Ergebnisse der PISA-Studie für Österreich bereits Anlass zur Sorge – jeder vierte 15- bis 16-Jährige kann nicht sinnerfassend lesen –, haben auch Erwachsene große Defizite.

Nur wenige Spitzenleser

Große Probleme gibt es bei der Leseleistung. Eine „Problemgruppe“ von 17 Prozent zwischen 16 und 65 Jahren verfügen nur über eine niedrige Lesekompetenz – das entspricht 970.000 Österreicher, die kaum Lese- und Sprachfähigkeiten haben und nur kurze Texte verstehen. Besonders alarmierend: 1,8 Prozent der 16- bis 24-Jährigen verfügen über zu geringe Lese- bzw. Sprachfähigkeiten, um überhaupt an dem Test teilzunehmen. Auch die Gruppe jener, die beim Lesen im Spitzenfeld ist, ist im internationalen Vergleich kleiner: 8,4 Prozent sind bei dieser Kompetenz ausgezeichnet, im OECD-Durchschnitt sind es 11,8 Prozent.

Positiver fällt der Befund beim Problemlösen mit Computer und Internet aus. Hier ist Österreich Durchschnitt. Besser sieht’s beim Rechnen aus, die 16- bis 65-Jährigen Österreicher erreichen überdurchschnittliche Leistungen. Das kann mit dem Ausbildungssystem erklärt werden. Österreich gehört zu den Ländern mit einer Kombination aus dualem (Lehre und Berufsschule) und rein schulischem Berufsbildungssystem, und diese schneiden in der Alltagsmathematik überdurchschnittlich ab. Beim Lesen und beim Pro­blemlösen im Kontext neuer Technologien liegen diese Länder aber höchstens im Mittelfeld der OECD-Länder. Positiv hebt sich die jüngere Generation ab, die erst am Beginn ihres Arbeitslebens steht. Die Lesekompetenz der 16- bis 24-Jährigen in Österreich ist besser als die der gesamten Gruppe und liegt wie beim Problemlösen im OECD-Durchschnitt. Sehr gute Leistungen zeigt sie in der Alltagsmathematik. Die besten Ergebnisse erzielte jeweils die Personengruppe um 30 Jahre.

Männer erreichen in Österreich in allen drei Kompetenzbereichen bessere Leistungen. Beim Lesen kommen sie auf einen Mittelwert von 272 Punkten, die Frauen auf 267 Punkte. Damit liegen die Frauen beim Lesen etwas weniger als ein Bildungsjahr hinter den Männern. Größer ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei Alltagsmathematik und Pro­blemlösen, hier sind die Männer deutlich kompetenter.

Zwischen Lesekompetenz und dem Bildungshintergrund der Eltern besteht ein Zusammenhang. 27,5 Prozent der Personen in den niedrigsten Lesekompetenzstufen haben Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss, 5,8 Prozent davon sind Akademikerkinder.

Das ist eine kleine Revolution der Bildungswissenschaft.

Konrad Pesendorfer

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