Premier „kurz“ entführt

Politik / 10.10.2013 • 21:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Zeidan: Wenige Stunden nach der Entführung wieder frei. Foto: RTS
Zeidan: Wenige Stunden nach der Entführung wieder frei. Foto: RTS

Libyen: Zeidan nach Rebellenaktion wieder frei. Er fordert einen politischen Dialog.

Tripolis. Wenn Libyens Ministerpräsident Ali Zeidan den UN-Generalsekretär trifft oder fremde Hauptstädte besucht, kann er seinen Job genießen. Daheim in Tripolis muss er dagegen immer auf der Hut sein. Denn hier herrscht auch zwei Jahre nach dem gewaltsamen Ende des Regimes von Muammar al-Gaddafi immer noch das Gesetz des Dschungels.

Daran, dass immer wieder schwer bewaffnete Milizionäre vor seinem Büro herumlungern, um irgendwelche Forderungen an die Regierung loszuwerden, hat sich Zeidan bereits gewöhnt. Aus Sicherheitsgründen schläft er schon länger in einem Hotel.

Gestern gingen die sogenannten Revolutionäre allerdings einen Schritt weiter. Vor Sonnenaufgang stürmte eine Gruppe, die dem Innenministerium zugeordnet wird, mit einem falschen Haftbefehl in Zeidans Hotel, zerrte den Regierungschef aus dem Bett und brachte ihn ins Hauptquartier ihrer Einheit. Stundenlang war ein verwackeltes Handy-Foto, das Zeidan mit zerzaustem Haar zeigte, das Einzige, was von dem Premier zu sehen war. Dann machten sich Kämpfer einer anderen Brigade auf den Weg, um den Regierungschef zu befreien. Offenbar konnten sie widerstandslos das Gebäude stürmen, in dem Zeidan festgehalten wurde. Vielleicht hatten die Entführer inzwischen gemerkt, dass die öffentliche Meinung nicht auf ihrer Seite war. Denn selbst einige von Zeidans politischen Gegnern empörten sich über diesen mangelnden Respekt vor den Institutionen des Staates.

Für Zeidan ist diese Geiselnahme noch einmal gut ausgegangen. Doch die Entführung zeigt, wer in Libyen wirklich die Macht hat: Milizen, die regional verwurzelt und bis an die Zähne bewaffnet sind. Viele von ihnen operieren zwar formal unter dem Dach der Armee oder des Innenministeriums. Das hält sie aber nicht davon ab, ihre Waffen auch für die Durchsetzung eigener Interessen zu benutzen.

An seiner Strategie der ­Deeskalation will Zeidan jedoch festhalten. Genau wie schon vor der Entführung rief er gestern dazu auf, politische Konflikte im Dialog zu lösen und nicht mit Waffengewalt. Der Regierungschef trat nach seiner Befreiung gelassen vor sein Kabinett, so als wäre eigentlich gar nichts gewesen. Nur eines fiel auf: Zeidan trug ausnahmsweise keine Brille. Die war wohl im Chaos der Entführung verloren gegangen.

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