„Entweder du stirbst oder du hast ein besseres Leben“

Politik / 17.10.2013 • 21:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kam in überfülltem Schlauchboot nach Italien: Abdi Ali (17) Foto: EBI
Kam in überfülltem Schlauchboot nach Italien: Abdi Ali (17) Foto: EBI

Wie Abdi Aden Ali die Flucht übers Mittelmeer nach Europa erlebt hat.

Wien. (VN) Abdi Aden Ali hatte keine andere Wahl: Wie seine Brüder hätte ihn in Somalia die islamistische Bewegung al-Shabaab für den Dschihad rekrutieren wollen. Noch ein Jahr bis zur Volljährigkeit, dachte sich der 17-Jährige. Dann sei sein Leben vorbei. Seine erwachsenen Geschwister waren von der militanten Gruppe bereits getötet worden, da sie nicht in den Krieg ziehen wollten. Sein Elternhaus stand in Flammen, sein Vater und seine Mutter standen vor dem Nichts. Allein das Handwerksgeschäft sei ihnen geblieben. Denn ihre Landfläche hatten sie verkauft, um Ali zu schützen. Den Erlös, 6000 US-Dollar, gaben sie ihrem 17-jährigen Sohn, damit er in ein sicheres Leben flüchten konnte. „Entweder du stirbst oder du hast ein besseres Leben“, dachte sich der Somalier, als er auf sich alleine gestellt nach Europa aufgebrochen war.

Bei Tripolis ins Schlauchboot

Obwohl die Flucht und die Vergangenheit Ali sichtlich gezeichnet hatten, wirkt er heute sehr bodenständig. Ruhig erzählt er beim VN-Gespräch im Hof seiner derzeitigen Unterkunft im niederösterreichischen Maria Enzersdorf von seinen Erlebnissen. Im Juni eröffnete die Caritas dort eine Wohngemeinschaft für 30 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. „Nach den Gefahren und Unsicherheiten der Flucht, die die Minderjährigen ohne Eltern bewältigt haben, ist eine altersgerechte Unterbringung und Betreuung während des Asylverfahrens und darüber hinaus unerlässlich“, erklärt Caritasdirektor Michael Landau. Ali steht am Anfang des Prozesses. Im August zog er in das sogenannte Haus Gabriel ein. Er lernt bereits Deutsch, erhält von der Caritas weitere Bildungsangebote und eine Tagesstruktur. Sein Weg bis dahin war jedoch weit. Von Somalia reiste er über Äthiopien und den Sudan weiter nach Libyen. Die meiste Zeit sei er in einem offenen Kleinbus unterwegs gewesen, in den sich rund 30 Personen für die lange Strecke von Tausenden Kilometern zwängen mussten. In Tripolis (Libyen) stieg er schließlich mit 90 weiteren Menschen in ein desolates Schlauchboot. Fünf Tage musste er dort verweilen und die Wellen, die pralle Sonne sowie die Dunkelheit aushalten. In dieser Zeit habe er nur ein kleines Brot gegessen, erzählt Ali: „Mehr hatte ich einfach nicht.“ Seine Wasserflasche sei auch nicht größer gewesen als sein Unterarm, deutet er. 1000 US-Dollar hat Ali für die Überführung bezahlt, wie alle anderen Passagiere auch. Die Schlepper waren aber nicht mitgekommen. „Als wir alle im Schlauchboot saßen, zeigten sie in eine Richtung und sagten: ‚Hier geht’s nach Italien.‘“ Von Sizilien aus gelangte er schließlich am 21. Juli, nach drei Monaten unglaublicher Strapazen, nach Österreich.

Ungewisse Zukunft

Ali weiß nicht, ob und wie lange er noch in Österreich bleiben kann. Daher denke er auch nur wenig an seine Zukunft. Seine größte Herausforderung sei derzeit, Deutsch zu lernen. Irgendwann wäre er aber am liebsten Sportler, am besten ein Läufer, das könne er gut, sagt der 17-Jährige.

Die Schlepper zeigten nur in eine Richtung: Hier geht’s nach Italien.

Abdi Aden Ali (17)

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