„Frauen unterschätzen sich“

Politik / 30.10.2013 • 22:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Beruf und Familie vereint: Tanja Windbüchler-Souschill von den Grünen bei der konstituierenden Sitzung des Nationalrats am Mittwoch. Foto: APA
Beruf und Familie vereint: Tanja Windbüchler-Souschill von den Grünen bei der konstituierenden Sitzung des Nationalrats am Mittwoch. Foto: APA

Auch der neue Nationalrat ist männerdominiert: Politikerinnen wundert das nicht.

Wien. (VN-joh) Noch nie hat es so viele Nationalratsabgeordnete aus Vorarlberg gegeben wie in der soeben eröffneten Legislaturperiode: neun. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass keine einzige Vorarlbergerin mehr im Hohen Haus sitzt. In den letzten Jahren war es mit Sabine Man­dak (Grüne) und zuletzt Anna Franz (ÖVP) zumindest eine. Woran liegt das? Politikerinnen nennen im VN-Gespräch viele Gründe – wobei einer bei den Frauen selbst zu suchen sei.

NEOS: 22 Prozent Frauenanteil

Claudia Gamon hat bei der Nationalratswahl für die NEOS kandidiert. Ein Mandat hat die 24-Jährige jedoch nicht gewonnen. Was dazu beigetragen hat, dass die junge Partei überaus männerdominiert ist: Der Frauenanteil beträgt gerade einmal 22 Prozent. „Ich sehe das weniger tragisch“, meint Gamon. Immerhin sei der Vorwahlprozess offen gewesen; außerdem hätten sich viele Frauen engagiert. Handlungsbedarf gebe es trotzdem. Frauen müssten selbstbewusster werden: „Während Männer ihre Qualifikationen überschätzen, unterschätzen Frauen die ihren.“ Sie würden sich eine politische Funktion allzu oft nicht zutrauen. Die Landtagsabgeordnete Ga­briele Sprickler-Falschlunger (SPÖ) kann das aus eigener Erfahrung bestätigen: Als sie einst in der Kommunalpolitik angefangen habe, sei sie sich nicht einmal als Akademikerin sicher gewesen, Gemeinderatssitzungen folgen zu können. Männern würden derartige Zweifel nie kommen, meint sie. Die 57-Jährige will daher eines Tages dafür sorgen, dass Frauen diese Schwelle überwinden: „Wenn ich selbst nicht mehr so aktiv bin, will ich ein Mentoring machen und Frauen, die ich für geeignet halte, fördern.“

Natürlich gibt es laut Sprickler-Falschlunger weitere Probleme für Frauen in der Politik. Ein Beispiel: Bei der SPÖ würden Listen zwar nach dem Reißverschlussprinzip erstellt; Spitzenkandidat sei aber meist ein Mann – der dann zum Zug komme.

Die Bezauerin Theresia Fröwis, die für die ÖVP im Landtag sitzt, meint, dass Frauen in der Wirtschaft eher Karriere machten als in der Politik: „Sie sind harmoniebedürftiger als Männer, und das darf man in der Politik nicht sein.“ Gefordert sei also ein neuer Stil in der Auseinandersetzung: „Wenn mehr Sachlichkeit herrschen würde, würden auch mehr Frauen mitmachen. Aber so sagen sie: ,Das tue ich mir nicht an, das ist mir zu brutal.‘“

Frauen mehrfach belastet

Die freiheitliche Landtagsabgeordnete Kornelia Spiß findet es „schade“, dass es zumindest aus Vorarlberg nur Männer in den Nationalrat geschafft haben: „Ein, zwei Frauen hätte ich mir schon gewünscht.“ Als Ursache sieht die 48-Jährige „ein gesellschaftliches Problem“: „Frauen sind mehrfach belastet. Sie führen den Haushalt und üben nebenbei oft noch einen Beruf aus. Da geht sich die Politik nicht mehr aus.“

Die aus Lustenau stammende Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle ortet eine Lösungsmöglichkeit: Wenn eine Partei nicht mindestens 40 Prozent weibliche Mandatare hat, sollte demnach die Förderung gekürzt werden. „Dann würden sie sich mehr um Frauen bemühen“, meint sie.

Wie „männlich“ Politik ist, wird laut Stainer-Hämmerle übrigens auch in Umfragen deutlich: „Bei jungen Burschen ist der Anteil derer, die sich für Politik interessieren, höher als bei Mädchen.“

„Frauen unterschätzen sich“

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