Ministerin für ein neues Familienbild

Politik / 17.01.2014 • 22:22 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Sophie Karmasin will Österreich bis zum Ende der Legislaturperiode familienfreundlicher machen. Das sei messbar, sagt sie. Durch Umfragen? „Klar“, so die ehemalige Meinungsforscherin aus Wien. Fotos: APA
Sophie Karmasin will Österreich bis zum Ende der Legislaturperiode familienfreundlicher machen. Das sei messbar, sagt sie. Durch Umfragen? „Klar“, so die ehemalige Meinungsforscherin aus Wien. Fotos: APA

Kinder, Küche, Kirche? Sophie Karmasin will eine Weiterentwicklung deutlich machen.

Wien. (VN-joh) Mittlerweile gibt es viele Familienmodelle, Frauen können längst nicht mehr auf Kinder, Küche, Kirche reduziert werden, weiß auch die neue Familien- und Jugendministerin Sophie Karmasin. Sie sieht es auch als ihre Aufgabe, die Weiterentwicklung für die ÖVP deutlich zu machen.

Sie sind von der ÖVP in die Regierung geholt worden, aber nicht Parteimitglied. Wären Sie auch dem Ruf der SPÖ gefolgt?

Karmasin: Die Frage hat sich nicht gestellt. Daher habe ich nicht darüber nachgedacht.

Das ÖVP-Familienbild verhieß lange Zeit „drei Ks“ für die Frau: Kinder, Küche, Kirche.

Karmasin: Ich glaube, da muss ich eine gewisse Weiterentwicklung deutlich machen. Wir sind heute mit vielen verschiedenen Familienmodellen konfrontiert, von den „drei Ks“ bis zur Karrierefrau, die zwei Monate nach der Geburt wie ihr Mann wieder arbeitet. Wichtig ist, dass wir echte Wahl- und Entscheidungsfreiheit für alle ermöglichen.

Was ist die Hauptaufgabe der Familienpolitik? Die Steigerung der Geburtenrate?

Karmasin: Das ist ganz wichtig: Wir werden immer älter und bekommen immer weniger Kinder. Außerdem schrumpft leider auch der Wunsch nach Kindern. Wenn wir uns dieses Zukunftsthemas nicht annehmen, kommt uns der Wohlstand abhanden. Wir haben 1,4 Kinder pro Frau. Studien zeigen, dass wir uns zwei wünschen. Wir haben also Aufholbedarf.

Wo?

Karmasin: In vielen Bereichen, von pragmatischen Fragen wie dem Vorhandensein, den Öffnungszeiten und der Flexibilität von Kinderbetreuungseinrichtungen bis zu finanziellen. Viele stellen sich die Frage, ob sie sich ein Kind überhaupt leisten können. Diesbezüglich bin ich froh darüber, dass es uns jetzt gelungen ist, die Erhöhung der Familienbeihilfe durchzubringen.

Demnach soll das Schulstartgeld bleiben und die Familienbeihilfe heuer um vier sowie 2016 und 2018 um je zwei Prozent erhöht werden. Ist damit der Weg zu automatischen Anpassungen vorgezeichnet?

Karmasin: Das ist das Ansinnen dieses Modells, dass man darüber nachdenkt. Mein Bemühen wird jedenfalls in diese Richtung gehen.

Zumal nicht argumentierbar ist, dass die Parteienförderung automatisch angepasst wird und die Familienbeihilfe nicht.

Karmasin: Wie der Kollege (Kanzleramtsminister Josef) Ostermayer schon gesagt hat: Da geht es um sehr unterschiedliche Summen. Bei der Familienbeihilfe handelt es sich um 3,4 Milliarden, bei der Parteienförderung um einen Bruchteil davon.

Sind da die Anpassungen nicht auch einer Frage der Symbolik?

Karmasin: Ich bin jetzt einmal glücklich, dass ich für diese Periode eine Wertanpassung erreicht habe.

Im Wahlkampf war der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem 1. Lebensjahr ein Thema. Soll das kommen?

Karmasin: Das Endziel scheint interessant. Aber davor muss ich die Kinderbetreuungsplätze errichten. Dafür nehmen wir in den kommenden fünf Jahren 350 Millionen Euro in die Hand.

Kindergärten sollen sich in Richtung Bildungseinrichtung entwickeln. Heißt das „Schluss mit Spielen“?

Karmasin: Das ist ein wichtiger Punkt. Es gibt Bestrebungen, die Kleinkindpädagogik in Richtung diszipliniertes Lernen mit zehn Vokabeln pro Tag und Ähnlichem zu bringen. Das lehne ich ab. Kleinkinder sollen gefördert werden, aber spielerisch, damit Freude am Erfahren und Neugierde wachsen.

Im Laufe der Legislaturperiode soll eine Steuerreform kommen. Was erwarten Sie für die Familien?

Karmasin: Kurzfristig ist es mir wichtig, die bestehenden Absetzmöglichkeiten, die unüberschaubar sind, zu vereinfachen und bekannter zu machen. Wir wissen etwa, dass die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten von vielen, die das könnten, nicht genutzt wird.

Die ÖVP hat im Wahlkampf außerdem einen Absetzbetrag von 3500 Euro pro Elternteil und Kind gefordert.

Karmasin: Wenn es sich ausgeht, bin ich dafür, das umzusetzen. Zunächst aber müssen wir das strukturelle Nulldefizit erreichen. Das ist auch ein Meta-Ziel für die Familien, weil wir unseren Kindern ja keinen Schuldenrucksack aufbürden wollen.

Sollen gleichgeschlechtliche Paare ein Kind adoptieren dürfen?

Karmasin: Die im Vorjahr beschlossene Stiefkindadoption ist gut und richtig.

Und wie beurteilen Sie das VfGH-Urteil, das Samenspenden für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt?

Karmasin: Ich konnte es noch nicht lesen, bitte aber auch um Verständnis, dass ich da meinem Kollegen, Justizminister Wolfgang Brandstetter, nicht dreinreden möchte. Er ist dafür zuständig.

Ihr Vorgänger wollte einen bundesweit einheitlichen Jugendschutz. Tun Sie das auch?

Karmasin: Das ist im ersten Schritt kein Thema.

16-Jährige dürfen wählen, in Ländern wie Vorarlberg aber nicht die ganze Nacht ausbleiben. Passt das zusammen?

Karmasin: Das eine schließt das andere nicht aus: Man kann wählen und trotzdem zu einer gewissen Zeit zu Hause sein.

Haben Sie sich ein Ziel gesetzt, sodass sie am Ende der Legislaturperiode sagen können, dann bin ich als Familienministerin erfolgreich gewesen?

Karmasin: Ja, das habe ich: Österreich soll familienfreundlicher werden – in der Gesellschaft, in den Medien, in den Gasthäusern, überall.

Ist die Zielerreichung messbar?

Karmasin: Ja.

Durch Umfragen?

Karmasin: Klar.

Das Nulldefizit ist auch ein Meta-Ziel für die Familien.

Sophie Karmasin

Die beschlossene Stiefkindadoption ist gut und richtig.

Sophie Karmasin
Ziel: Automatische Anpassung der Familienbeihilfe.
Ziel: Automatische Anpassung der Familienbeihilfe.
„Zwei Kinder pro Frau wünschenswert“, so Karmasin.
„Zwei Kinder pro Frau wünschenswert“, so Karmasin.