„Erdbeben für Erdogan“

30.05.2014 • 20:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit Wasserwerfern und Pfefferspray geht die türkische Polizei bis heute gegen die Demonstranten vor. Foto: RTS
Mit Wasserwerfern und Pfefferspray geht die türkische Polizei bis heute gegen die Demonstranten vor. Foto: RTS

Vor einem Jahr eskalierten die Proteste in der Türkei. Premier aber verteidigte seine Macht.

Wien. (VN) „Sie waren nicht organisiert, es gab kein Zentrum, es war von Anfang an ein pluralistischer und demokratischer Protest“, sagt der türkische Journalist Ruşen Çakır im Gespräch mit den VN: Heute ist es genau ein Jahr her, dass diese Demonstrationen im Istanbuler Gezi-Park eskalierten. Sie entzündeten sich an den Plänen der türkischen Regierung, auf dem Gelände der Grünanlage unter anderem ein Einkaufszentrum zu bauen. Auch das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte sorgte dafür, dass aus dem lokalen Widerstand eine landesweite Protestwelle wurde, die mehrere Wochen andauern sollte. Die Proteste kosteten mindestens sieben Menschen das Leben, Tausende wurden verletzt.

„Ich glaube aber, dass dieses Aufbegehren alles verändert hat. Es war ein großer Wendepunkt für Premierminister Recep Tayyip Erdogan, der noch nie einen solchen Widerstand erlebt hatte. Es war ein echtes Erdbeben für seine Macht“, erklärt Çakır, der unter anderem bei CNN Türk arbeitete, bevor er 2002 zur Zeitung Vatan wechselte.

Die scharfen Repressionen gegenüber den Demonstranten seien Reaktionen um sein politisches Überleben gewesen, ist sich der Journalist sicher: „Viele glauben, dass er damit seine Macht ausbauen wollte. Ich glaube das Gegenteil. Er wollte und will sie verteidigen. Durch die Kampfansage der Gezi-Protestbewegung gegen die Regierung wurde Erdogan daher viel aggressiver.“

Ein Jahr später fällt die Bilanz für die Widersacher des Premiers aber mager aus. Wenngleich die Proteste immer wieder aufflammen, entstand daraus keine politische Bewegung. Und aus der Kommunalwahl Ende März ging Erdogan sogar erneut als starker Mann hervor. Denn die ländliche Bevölkerung – und diese hat in der Türkei das meiste Gewicht – steht weiterhin hinter ihrem Premier. „Sie haben andere Bedürfnisse als die Teilnehmer der Gezi-Bewegung, die zur städtischen Mittelschicht zählen“, so Çakır. Deshalb sei es auch höchstwahrscheinlich, dass Erdogan im August bei den Präsidentschaftswahlen gewinnen werde. „Wir glauben, dass er kandidieren und nach der Wahl die Regierung durch sein Präsidentschaftsamt kontrollieren will“, erklärt der Journalist.

„Kann nicht optimistisch sein“

Mit all ihren Problemen sei nicht zu verschweigen, dass die Türkei derzeit durch schlechte Zeiten gehe: Çakır sagt, er wäre gerne optimistisch, aber objektiv betrachtet könne er das einfach nicht sein: „Wir haben so viele Probleme im Land“, von der Meinungsfreiheit beginnend bis hin zur Wahrung der Menschenrechte. Die Türkei könnte diese zwar lösen, wie es die Proteste im Gezi-Park gezeigt hätten. „Man kann aber einen solchen Gezi-Moment nicht ständig wiederholen“, so Çakır.

Erdogan reagierte aggressiv auf die Proteste im Gezi-Park. Foto: RTS
Erdogan reagierte aggressiv auf die Proteste im Gezi-Park. Foto: RTS