In China ist jeder Tag ein 4. Juni 1989

Politik / 03.06.2014 • 22:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Vor 25 Jahren wollten Studenten das kommunistische Regime zu Reformen bewegen. Dieses schlug brutal zurück. Historisch: Das Foto von einem unbekannten Mann, der sich einer Panzerkolonne in den Weg stellte. Fotos: AP
Vor 25 Jahren wollten Studenten das kommunistische Regime zu Reformen bewegen. Dieses schlug brutal zurück. Historisch: Das Foto von einem unbekannten Mann, der sich einer Panzerkolonne in den Weg stellte. Fotos: AP

Kampf gegen Demokratiebewegung dauert auch nach einem Vierteljahrhundert noch an.

Peking. „Jeder Tag ist ein 4. Juni“, sagt Qi Zhiyong. Auch 25 Jahre nach dem Tian’anmen-Massaker von 1989 findet die Verfolgung kein Ende. Unbeirrt von Überwachung, Einschüchterung und Misshandlung will der 58-Jährige die Erinnerung an dieses düstere Kapitel in Chinas Geschichte wach halten: „Ich bin entschlossen, furchtlos die Wahrheit zu verteidigen.“ Qi Zhiyong zahlte einen hohen Preis. Er wurde durch Schüsse schwer verletzt, verlor das linke Bein.

Bürgerrechtler verhaftet

Mit harter Hand geht die Staatssicherheit gegen solche kritischen Stimmen vor. Seit Monaten werden Bürgerrechtler und ihre Anwälte in Haft genommen. „Es ist 25 Jahre her, aber weiter werden Leute verurteilt“, sagt Qi Zhiyong. „Der 4. Juni ist Teil des Lebens unseres Volkes“, fügt er hinzu, bevor er kurz vor dem 25. Jahrestag des Massakers mit Hausarrest zum Schweigen gebracht wird.

Hunderte Menschen kamen in jener Nacht ums Leben, als die Kommunistische Partei nach wochenlangen Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Volksbefreiungsarmee auf das eigene Volk schießen ließ. „In all den Jahren und trotz aller Bemühungen haben wir keine Gerechtigkeit für unsere Angehörigen erreicht“, beklagt Ding Zilin, deren 17-jähriger Sohn durch eine Kugel getötet wurde.

Die Professorin steht an der Spitze des Netzwerks der „Mütter von Tian’anmen“, die zum Jahrestag eine Reihe von Interviews mit Familien sowie Videos im Internet veröffentlicht haben. Seit Jahren verhallen ihre Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung und Bestrafung der Verantwortlichen ungehört. Chinas Führung erlaubt keine Aufarbeitung und verteidigt das Vorgehen seit Jahren mit der gleichen Standardformel: „Partei und Regierung sind korrekt mit den Unruhen umgegangen.“

Hoffnungen enttäuscht

Die Hoffnungen, dass die neue Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping einen neuen Kurs einschlagen könnte, wurden enttäuscht. Schlimmer noch: Das Schreckensgespenst des Zusammenbruchs der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow vor Augen, greifen die neuen Führer sogar noch härter durch, wie die hohe Zahl der Festnahmen seit ihrem Amtsantritt 2013 zeigt. „Bisher setzt Xi Jinping auf Repression statt Reformen“, stellt Verena Harpe von Amnesty International fest.

Auch die Welt möchte das Massaker vergessen, befürchtet der damalige Studentenführer Wuer Kaixi, der ins Ausland flüchten konnte und heute im Exil in Taiwan lebt: „Die Welt steht Schlange, um nach Peking zu pilgern und die Hände der – aus meiner Sicht – Mörder zu schütteln, um Geschäfte zu machen und um Marktzugang zu bitten oder manchmal sogar darum, aus der Wirtschaftskrise gerettet zu werden.“

Die Hoffnung, dass wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand das Land irgendwie zur Demokratie führen würden, werde sich nicht erfüllen, warnt der einstige Studentenführer Wang Dan. Die zweitgrößte Wirtschaftsnation sei keine reine Marktwirtschaft, sondern eine politisierte Volkswirtschaft, was auch die Korruption erkläre.

Haben die Studentenführer vor 25 Jahren noch geglaubt, dass die Kommunistische Partei sich von innen heraus selbst reformieren könnte, zeigen sie jetzt große Zweifel. Das kommunistische Regime repräsentiere heute habgierige Interessengruppen, Prinzlinge und Technokraten, die das Land ausplünderten, stellen sie resigniert fest.

Die Welt steht Schlange, um die Hände der Mörder zu schütteln.

Wuer Kaixi
In Hongkong wird dem 4. Juni 1989 gedacht – etwa indem Szenen wie jene des unbekannten Mannes vor Panzern nachgestellt werden. Foto: AP
In Hongkong wird dem 4. Juni 1989 gedacht – etwa indem Szenen wie jene des unbekannten Mannes vor Panzern nachgestellt werden. Foto: AP
In China ist jeder Tag ein 4. Juni 1989
Google-Zentrale in Peking: Zugang blockiert. Foto: EPA
Google-Zentrale in Peking: Zugang blockiert. Foto: EPA

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