Moskau will mitregieren

Politik / 06.06.2014 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Prorussische Separatisten im ukrainischen Donezk: Zuletzt ging Putin auf Distanz zu ihnen. Foto: Reuters
Prorussische Separatisten im ukrainischen Donezk: Zuletzt ging Putin auf Distanz zu ihnen. Foto: Reuters

Ukraine-Krise: Einfluss ist Putin wichtiger als die Gewinnung einiger Randgebiete.

Wien. (VN) In der Normandie hat gestern die Führung von EU und USA mit Russlands Präsident Putin nach einem Weg aus der gegenseitigen Vertrauenskrise um die Ukraine gesucht. Nun gibt es Zeichen einer Annäherung. Wie weit ist aber dem neuen Kremlzaren wirklich zu trauen? Wie schaut sein langfristiges Kalkül hinter Moskaus Winkelzügen um Krim und Ukraine aus?

Lange hielt sich Putin bedeckt

Der ehemalige sowjetische Geheimdienstler Putin hat den Zerfall des Ostblocks und Russlands Demütigung durch den Westen weder verziehen noch vergessen. „Nie davon reden, immer daran denken“ lautete die Geheimparole der Franzosen von der 1870er- Katastrophe bis zum Ersten Weltkrieg. Und alles Trachten in der Zwischenkriegszeit – ob Nazis oder nicht – war auf eine Revision des „Diktatfriedens“ von Versailles gerichtet.

Lange hielt Putin seine russischen Revanchegelüste bedeckt. In Syrien zeigte er dem Westen erstmals die Zähne. Schon zuvor hat er in der Ukraine darauf hingearbeitet, auch die letzten Früchte von Kiews „Oranger Revolution“ 2004 auszumerzen. Präsident Janukowytsch erwies sich dabei als sein williger Erfüllungsgehilfe, um die Ukraine voll ans Gängelband der Russen zurückzuführen. Doch dann brauste dagegen mächtig die Maidan-Bewegung auf. Sie führte am 22. Februar in Kiew zur späten, der wahren Wende.

Als ersten Gegenzug annektierte Putin die seit 1954 ukrainische Krim. Er glaubte, das wagen zu dürfen, nachdem EU und NATO sich im Kosovo über den selbst gesetzten Grundsatz der Unverletztbarkeit von Grenzen zwischen den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wie Tito-Jugoslawiens hinweggesetzt hatten. Abchasien und Südossetien waren Putins erste Versuchsballone in diese Richtung. Ähnliches schien Moskau nun auch mit der russisch-sprachigen Ostukrai­ne im Schild zu führen. Doch ließ es die von ihm klar unterstützten Volksrepubliken Lugansk und Slavjansk zuletzt überraschend im Stich. Auch die neuesten Zeichen aus der Normandie mildern die Befürchtungen hinsichtlich russischer Pläne für eine ukrainische Teilung. Das so- genannte „Neurussland“ in der Ostukraine ist dem Kreml kein künftiger Bodengewinn, sondern Faustpfand.

Für Putin bleibt weiterer Einfluss in der ganzen Ukraine wichtiger als die Gewinnung einiger Randgebiete. Bei der flottenstrategisch wichtigen Krim verhielt sich das anders. Aber der Kreml will nicht allein am Don herrschen, sondern weiter bis Kiew und Lemberg mitregieren. Im Mittelpunkt der ganzen postkommunistischen Restaurationspolitik von Macht und Größe der Zaren bildet die Idee einer historischen Schicksalsgemeinschaft von Russen, Ukrainern und Weißrussen das Fundament. Putin lässt sich dabei geradezu von einer ostslawischen Blut-und-Boden-Mystik bestimmen. Er wird die Ukraine nie ganz aufgeben. Darüber sollte sich der Westen auch weiter keine Illusionen machen.

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