Islamisten rücken vor

Politik / 10.06.2014 • 22:35 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Videoaufnahmen aus Mossul: Armee zieht ab. Foto: AP
Videoaufnahmen aus Mossul: Armee zieht ab. Foto: AP

Irak: Regierungstruppen verlieren die Kontrolle über die Millionenstadt Mossul.

Wien. (VN) Der Flächenbrand Nahost hat seit gestern eine Feuerfront mehr: Mit der Eroberung Mossuls durch von Al-Kaida ferngesteuerte Jihadisten hat der syrische Bürgerkrieg auf den Irak übergegriffen. Zwischen Euphrat und Tigris befindet sich das ganze nördliche Mesopotamien nun in der Hand des „Islamischen Staates von Irak und Syrien“ (ISIS). Von Faludja im Westen der Hauptstadt Bagdad sind die sunnitischen Halbmondbrigaden nach Norden vorgedrungen, haben auch die dortigen Erdölfelder unter ihre Kontrolle gebracht. Dieser rasante Vormarsch setzte sich am Nachmittag auch in der östlichen Provinz Niniveh jenseits des Tigris fort. Dorthin waren in den letzten zehn Jahren die meisten irakischen Christen aus Bagdad, dem Mittel- und Südirak geflüchtet.

Weg nach Bagdad offen

Die Spitzen der ISIS-Verbände brechen in die Kurdenprovinz Salahuddin ein. Diese ist nach dem großen Widersacher der Kreuzfahrer benannt, dem von dort stammenden Saladin. Er war kurdischer Herkunft. Kurden und Christen sind nach den Schiiten des irakischen Südens die erklärten Angriffsziele der radikalen arabischen Sunniten Mesopotamiens.

Mit Mossul und Salahuddin in der Hand steht ISIS der Weg nach Bagdad offen. Bei allen irakischen Revolutionen wurde der Herr von Mossul bald auch Gebieter des gesamten Irak. Der Überraschungserfolg dieses Blitzaufstands dürfte auch mit der Enttäuschung aller Sunniten über den Ausgang der letzten Parlaments­wahlen zusammenhängen. Diese haben trotz Verlusten doch wieder den Schiiten Maliki ans
Ruder gebracht. Offenkundig hat ISIS auch aus dem alten Lager Saddam Husseins ­Zulauf erhalten. Dieser hatte sich in seinen letzten ­Herrschaftsjahren dem Islamismus zugewandt und Kontakt zu Al-Kaida aufgenommen.

Wie wenig militärischen Widerstand Maliki den Rebellen entgegenzusetzen vermag, zeigt deren Siegeszug über Nacht durch den ganzen Norden. Auch das eilige Verteilen von Waffen an die Zivilbevölkerung wird das Schicksal von Bagdad nicht mehr zu wenden vermögen. Die einzigen einst kampfkräftigen Milizen von Schiiten-Imam Murtada as-Sadr haben abgerüstet, seit sich dieser im Februar aus der Politik zurückziehen musste. Ein schiitischer Volkswiderstand, wie ihn Maliki jetzt sichtlich aufbieten will, dürfte erst südlich von Bagdad zum Tragen kommen. Damit ist immerhin nach dem syrischen auch ein irakischer Bürgerkrieg vorprogrammiert.

Aus der Türkei werden die neuesten Entwicklungen mit großer Sorge beobachtet. Sie überschatten in Ankara den Besuch des iranischen Präsidenten Rohani. Diesem kann es nicht gleichgültig sein, wenn im Irak die Herrschaft seines Quasi-Statthalters Maliki ins Wanken gerät.

In den Kurdengebieten setzte eine Flüchtlingswelle ein. Foto: AP
In den Kurdengebieten setzte eine Flüchtlingswelle ein. Foto: AP

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