Die Maus, die brüllte

Politik / 25.06.2014 • 22:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Da fällt einem fast zwangsläufig die Filmsatire aus dem Jahr 1959 ein, mit dem grandiosen Peter Sellers in der Hauptrolle: „Die Maus, die brüllte“ („The Mouse That Roared“). Da ging es um das (natürlich fiktive) kleinste Land der Welt, das in den Alpen gelegene (!) und vor allem von der Rotweinproduktion lebende (!) Herzogtum Groß Fenwick, das sich auf einen wohlkalkulierten Krieg mit den Vereinigten Staaten einließ. Auch die kleine Alpenrepublik Österreich, die sich nebenbei aus touristisch-nostalgischen Motiven durchaus gern mit monarchischen Elementen schmückt, ist gelegentlich so eine Maus, die brüllt und sich mit den ganz Großen dieser Welt einlässt.

Ach, wie gern träumt man hier vom Gipfeltreffen zwischen Kennedy und Chruschtschow in Wien im Frühsommer 1961 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, der hier, in der versöhnlich-gemütlichen Atmosphäre zwischen Donau und Grinzing, um ein Haar beigelegt worden wäre. Stimmt zwar nicht ganz, denn der Gipfel der beiden Giganten endete ergebnislos – aber der Mythos lebt munter weiter.

Wieder ist Kalter Krieg, wieder ist der Beherrscher des Kremls in Wien, wieder brüllt die Maus. Zwar fehlt diesmal der Gesprächspartner von der Gegenseite, aber das ist ein Detail. Mehr noch: Österreich geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, seitens der USA, die unmissverständliche Worte benutzte, seitens der EU und, pikanterweise, ausgerechnet durch den Außenminister des ebenfalls neutralen Schweden, Carl Bildt. War doch einer der Rechtfertigungsversuche vom Ballhausplatz die Vermittlungstätigkeit der Neutralen.

Alles in allem ist das wieder ein so recht österreichischer Dreh. Der Zeitpunkt der Visite ist grandios gewählt – ausgerechnet da die EU und die USA ihre Sanktionen zu verschärfen trachten. Die österreichischen Spitzenpolitiker verrenken sich die Münder, um den Besuch zum gesprächs- und friedensfördernden Anlass zu veredeln, während unverhohlen der wahre Besuchszweck zelebriert wird: der Vertrag zwischen Gazprom und OMV, die Lancierung der unter anderem in Wien-Baumgarten mündenden South Stream Pipeline. Dafür zog der gewiefte Stratege Putin ein Zückerchen aus der Tasche seines Maßanzugs – die Sistierung der Pauschalgenehmigung zu einem Militäreinsatz in der Ukraine. Um den Gastgebern doch einen kleinen politischen Erfolg zu gönnen.

Doch so nebenbei kann Putin Zwietracht in der EU säen, und vor allem erhält der russische Potentat in Wien ein bisserl dringend benötigte internationale Rückendeckung, aber keine Angst, nicht zu viel, denn dies ist offiziell ja kein Staats-, sondern nur ein Arbeitsbesuch und vor der Hofburg trat nicht das „Ehrenbataillon“ an, sondern bloß die „Ehrenkompanie“ – österreichische Feinheiten, mit denen man sich durch den Zwiespalt zwischen Solidarität und Geschäft so hindurchmogelt. Dafür bestand kein Zweifel, aus welcher innenpolitischen Ecke der Applaus kam. Bravo.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).
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