Israel zieht sich zurück

Politik / 04.08.2014 • 22:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wasser für Kinder in Gaza-Stadt: Der bislang längste Gaza-Krieg führte zu einer humanitären Katastrophe.  Foto: APA
Wasser für Kinder in Gaza-Stadt: Der bislang längste Gaza-Krieg führte zu einer humanitären Katastrophe. Foto: APA

Bodentruppen abgezogen: Trotzdem wenig Hoffnung auf ein Ende der blutigen Offensive.

Wien. Der Abzug der meisten israelischen Bodentruppen aus dem Gazastreifen weckt Hoffnungen auf ein baldiges Ende der blutigen Offensive. Mit der Zerstörung aller 31 im Grenzgebiet gefundenen Tunnel hat Israel zwar eines seiner Kriegsziele erreicht –nicht jedoch das Hauptziel, die Raketenangriffe auf israelische Ortschaften zu unterbinden. Ohne eine klare Entscheidung im Kräftemessen mit der Hamas und ohne Einigung auf eine Waffenruhe fürchten viele Beobachter in Israel nun einen langwierigen „Zermürbungskrieg“ mit der radikal-islamischen Organisation.

Schwerer Schaden für Hamas

Israel hat den militanten
Palästinenserorganisationen in vier Wochen massiver Angriffe ohne Zweifel schweren Schaden zugefügt. Die Hamas-Führungsriege bleibt jedoch unangetastet. Und die Organisation verfügt nach Schätzungen weiterhin über rund 3000 Raketen, etwa ein Drittel ihres ursprünglichen Arsenals. Dass sie Israel mindestens einen Monat lang Widerstand geboten und Raketen so weit wie nie in das feindliche Gebiet geschossen hat, wird die Hamas zudem wohl als Basis für eine feierliche Siegeserklärung nutzen. Ob es kritische Fragen der eigenen Bevölkerung nach dem Preis dieses „Sieges“ geben wird, ist noch offen. Anlass dafür gäbe es reichlich: humanitäre Krise, eine Viertelmillion Flüchtlinge, weite Teile Gazas liegen in Schutt und Asche, mehr als 1800 Tote und knapp 10.000 Verletzte.

Überraschender Rückzug

In einem überraschenden Schritt hat Israel nun nach dem Scheitern der von den USA und den UN vermittelten Waffenruhe seine Bodentruppen einseitig aus dem Großteil des Gazastreifens abgezogen. „Israel hat entschieden, der Hamas eine Veto-Macht über Waffenruhen zu verweigern und wieder die Initiative übernommen“, schrieb Amos Jadlin vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) bei Tel Aviv in einer Einschätzung der Lage. Damit habe der jüdische Staat klar gemacht, „dass er nicht mit der Hamas verhandelt und ihr keinen Erfolg gewährt, weder hinsichtlich einer Waffenruhe noch einer Vereinbarung“.

Ein Kommentator der Zeitung „Haaretz“ schrieb allerdings gestern, der Weg zu einer dauerhaften Waffenruhe-Vereinbarung beider Seiten stehe immer noch offen.

In zwei Wochen erobert

Mit oder ohne Einigung will Israel einen Wiederaufbau des zerstörten Gazastreifens an die Forderung nach einer Entmilitarisierung des schmalen Küstenstreifens und einer Entwaffnung der militanten Gruppierungen knüpfen. Die Chefunterhändlerin Zipi Livni hat sich zum ersten Mal auch für einen Sturz der Hamas ausgesprochen.

Dies halten viele jedoch für illusorisch. Israelische Militärs haben erklärt, eine von rechten Ministern geforderte Wiedereroberung des Gazastreifens würde bis zu zwei Wochen dauern, eine Zerschlagung der militanten Organisationen jedoch ein bis zwei Jahre. Israel ist gegenwärtig nicht dazu bereit, den dafür notwendigen hohen militärischen und politischen Preis zu zahlen. Damit wird eine geschwächte Hamas vermutlich weiter an der Macht bleiben. Auch in Israel gibt es Stimmen, die sich für einen Versuch der schrittweisen künftigen Einbindung der radikalen Palästinenserorganisationen aussprechen. Dies könnte etwa mithilfe der Anfang Juni gebildeten Einheitsregierung der Hamas mit der gemäßigteren Fatah geschehen, die Israel jedoch bislang boykottiert.

Israel hat klar- gemacht, dass es mit der Hamas verhandelt.

Amos Jadlin

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