Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Leadership

Politik / 05.08.2014 • 22:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Bundeskanzler Werner Faymann forderte im VN-Interview mehr Respekt für die Arbeit der Regierung. Vor allem die Medien würden die Koalition zu Unrecht herabwürdigen, in Deutschland würden Politiker fairer behandelt. Die Retourkutsche der Journalisten ließ nicht lange auf sich warten: Mangelnde Leadership im Besonderen wurde dem Regierungschef vorgeworfen, Reformstau und Visionslosigkeit der Regierung im Allgemeinen. Der Vorwurf fehlender Führungsstärke ist keine angenehme Ausgangsposition für einen Parteichef, der beim herbstlichen Parteitag nur sein eigenes Ergebnis von 83 Prozent übertreffen will – das historisch schwächste aller SP-Vorsitzenden.

Diese Diskussion wirft ein bezeichnendes Bild auf das symbiotische Verhältnis von Politik und Medien. Sie können nicht ohne einander, aber noch weniger miteinander. Es stellt uns alle aber auch vor die Frage, welchen Typus von Politiker wir wollen. Welche Eigenschaften muss ein erfolgreicher Volksvertreter mitbringen? Was wäre die perfekte Mischung von Charakterzügen in einem Land, wo sich jeder Dritte nach einem starken Führer sehnt, der „sich nicht um Wahlen und Parlament kümmern muss“?

Glaubwürdigkeit, Sachverstand, Bürgernähe, Tatkraft und Sympathie nannten in dieser Reihenfolge deutsche Bürger auf eine ähnliche Frage. Ob diese Antwort auch für Österreich gilt, wissen wir nicht. Selbst wollen Politiker jedenfalls gerne integre Problemlöser mit einer Prise Medienkompetenz und einer Spur Charisma sein. Wohin charismatische Herrschaft führen kann, dafür bietet Kärnten heute ein gutes Anschauungsbeispiel. Hoffentlich ein ausreichend abschreckendes. Denn Fachwissen und Charisma gehen nicht zwingend Hand in Hand. Wer auf alles eine einfache Antwort weiß, beweist keine Leadership, sondern nur sein Talent zum Populismus.

Die Vermutung sei aber erlaubt, dass die Österreicher sich Politiker wünschen, die ihnen zumindest die Unterscheidung zwischen Gut und Böse erleichtern. Die ihnen Verantwortung abnehmen und ihnen versprechen, ihre Interessen zu vertreten. Ja, die ihnen ein wenig Honig ums Maul schmieren, Konflikte und unangenehme Aussagen vermeiden. Und denen meist verziehen wird, wenn die Mehrheitsmeinung eine Positionsänderung verlangt.

So betrachtet war die viel zu früh verstorbene Nationalratspräsidentin Barbara Prammer eine Antipolitikerin. Jedenfalls entsprach sie nicht den gängigen Klischees und Erwartungen an eine Spitzenvertreterin. Besonnen, nie laut, aber konsequent, durchsetzungsstark ohne den Griff unter die Gürtellinie. Prammer hat weder ihre Grundsätze vergessen noch den Bezug zu den Bürgern verloren. Vor allem hat sie nie auf Umfragewerte geschielt. Das ist Leadership.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.
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