Die alte Tante

Politik / 07.08.2014 • 22:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Sie kränkelt. Ihr wertes Befinden ist nicht das allerbeste. Sie wird sich deshalb bis zu der Landtagswahl im September kaum noch in Vorarlberg sehen lassen. Eigentlich ist sie ja auch nicht eingeladen. Die gute alte Bundes-ÖVP. Sie ist ins Gerede gekommen. Selbst unter ihren Anhängern. Andrä Rupprechter, der Lebensminister der ÖVP, hat frei heraus erklärt, seine Töchter hielten die ÖVP für verzopft. Sie müsse sich öffnen. Sonst sei sie für Junge nicht wählbar. Einfach stockkonservativ.

Der Tiroler Andrä Rupprechter lässt sich den Mund nicht verbieten. Er ist geradezu überdimensional fromm, hat immer den Rosenkranz im Hosensack. Und ist doch einer der fortschrittlichsten Politiker innerhalb der Volkspartei. Wir müssten zur Kenntnis nehmen, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe gebe, meinte er. Nicht nur die herkömmliche Familie. Das sind starke Worte für einen ÖVP-Minister. Er möchte homosexuellen Paaren grundsätzlich die Ehe und die Adoption von Kindern ermöglichen. Das hundertjährige Familienbild der ÖVP kommt ins Wanken. Die schwarze Familienministerin gerät neben ihm zur grauen Maus. Die Volkspartei müsse gesellschaftspolitisch offener werden. Sagt der Lebensminister, der mit seinen Vorschlägen noch zum Überlebensminister der Volkspartei werden könnte.

Hört man ihn in Vorarlberg? Markus Wallner hat beim Wahlkampfauftakt als Spitzenkandidat der Volkspartei gerade erwidert, die ÖVP sei eine Partei aus der gesellschaftlichen Mitte mit einem starken Wertefundament. „Wir sind keine Flachwurzler, die beim ersten Gegenwind umfallen“. Das mag schon sein, aber Landtagswahlen entscheiden heutzutage nicht mehr die Parteimitglieder. Man muss sich auch der gesellschaftlichen Wirklichkeit stellen. Wir sind kein Land mit lauter fröhlichen und bestens funktionierenden Familien.

Es war zu erwarten, dass die Aussagen des Ministers Rupprechter bei seinen „Parteifreunden“ noch wenig Anklang finden. Der Paradeschwarze und ÖVP-Berater Claus Raidl hat dem Lebensminister vorgeworfen, mit seinen Randthemen könne man keine Wahlen gewinnen. Die ÖVP müsse sich den großen Themen widmen. Zum Beispiel einer Änderung der Gewerbeordnung. Um Gottes willen, Raidl. Das mag für in Ehren ergraute Funktionäre ein wichtiges Thema sein. Aber bei uns wählt man schon mit 16. Und junge Menschen haben nun einmal ganz andere Probleme. Sonst wird der Lebensminister nach ein paar Wahlen wohl vom Ableben der guten alten Tante ÖVP berichten müssen. Von den Mühsalen des Alters erlöst.

arnulf.haefele@vorarlbergernachrichten.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist. Er ist langjähriges
Mitglied des Vorarlberger Landtags gewesen.
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