Erdogan sieht sich als neuer Atatürk

Politik / 28.08.2014 • 22:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Präsident der Türkei will Türken und Kurden zu Muslimstaatsvolk vereinen.

ankara. (VN-heg) Am Donnerstagnachmittag wurde in Ankara Tayip Erdogan zum zwölften Präsident der Türkischen Republik vereidigt. Ihn hat als ersten nicht das Parlament, sondern das Volk gewählt.

Zehn seiner Vorgänger spielten eine mehr oder weniger repräsentative Rolle. Nur der erste Präsident der Türkei, Kemal Atatürk, war Staatschef mit nahezu diktatorischen Vollmachten. Eine ebensolche Präsidialherrschaft strebt Erdogan jetzt an.

Dagegen gab es in der „Großen Türkischen Nationalversammlung“ vor Erdogans Vereidigung stürmische Proteste. Sie sollten auch die Entrüstung über verschiedene Schachzüge zum Ausdruck bringen. Erdogan blieb nach seiner Wahl im Widerspruch zur türkischen Verfassung an der Spitze der Regierung und seiner Partei AKP. Erst am Mittwoch kürte Erdogan den treuen Gefolgsmann Außenminister Ahmet Davutoglu zum Nachfolger in beiden Ämtern.

Das geschah genau einen Tag vor dem Ende der Amtszeit des bisherigen Präsidenten Abdullah Gül. Dieser war ein alter politischer Weggenosse Erdogans, hatte sich aber in letzter Zeit deutlich von dessen immer autoritärerem Stil abgesetzt. Zuletzt gab Gül die Absicht bekannt, nach seiner Präsidentschaft in die aktive Politik zurückzukehren. Dem wollte Erdogan mit der Nominierung von Davutoglu zuvorkommen, als Gül gerade noch Präsident war. Das scheidende Staatsoberhaupt und besonders seine Frau machten beim Abschiedsempfang kein Hehl aus ihrer Empörung über Erdogans Ränkespiel. Für dessen Pläne einer umfassenden Machtergreifung tickt die Zeitbombe Gül weiter.

„Umwälzende Neuerungen“

In Ankara werden daher jetzt über die Bildung der neuen Regierung Davutoglu hinaus – sie soll am Freitagabend vorgestellt werden – „umwälzende Neuerungen“ erwartet. Mit diesen möchte sich Erdogan als Reformer vom Format eines Atatürk ausweisen und seine geplanten Machtzuteilungen in Richtung Präsidialstaat schmackhaft machen. Konkret rechnen Insider mit spektakulären Entwicklungen in der Kurdenfrage. Erdogan wolle Türken und Kurden zu einem gemeinsamen Muslimstaatsvolk zusammenschweissen.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.