„Vorarlberg kann Pflege nicht alleine stemmen“

18.09.2014 • 20:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Laut Wifo-Prognose steigen in Vorarlberg die Pflegekosten bis 2030 um 158,8 Prozent an.  FOTO: DPA
Laut Wifo-Prognose steigen in Vorarlberg die Pflegekosten bis 2030 um 158,8 Prozent an. FOTO: DPA

Wifo-Studie: Pflegekostenanstieg bis 2030 um 95 Mio. Land zweifelt an Größenordnung.

Wien. Die Pflegekosten in Vorarlberg steigen rasant an. Wie aus einer aktuellen Wifo-Studie hervorgeht, muss das Land bis 2030 mit einem Ausgabenplus von 158,8 Prozent rechnen. In Österreich ist das westlichste Bundesland damit Spitzenreiter. Der Studie zufolge sollte Vorarlberg daher für 2030 über 95 Millionen Euro mehr Budget für Pflegedienstleistungen einkalkulieren als noch 2012.

„Wir werden mehr Geld brauchen“, betont auch Landesrätin Greti Schmid auf VN-Anfrage. Dass es aber 95 Millionen Euro mehr sein werden, glaubt sie nicht. „Dieses Ausmaß wird nicht eintreten. Jetzt Zahlen zu nennen, wäre unseriös.“ Dennoch sei klar, dass die Länder und die Gemeinden nicht in der Lage sein werden, die Pflege alleine zu stemmen. Der Bund sei daher aufgerufen, sie weiterhin finanziell zu unterstützen. Landeshauptmann Markus Wallner wollte sich nicht dazu äußern. Er verwies auf die Stellungnahme von Schmid.

Sonderfall Vorarlberg

Für die Autoren der Wifo-Studie ist Vorarlberg ein klarer Sonderfall. Der durch die Studie errechnete Mehraufwand, der bis 2030 in der Pflege geleistet werden muss, liege keineswegs an Versäumnissen des Landes, betont Wifo-Expertin Ulrike Famira-Mühlberger. Es seien andere Faktoren, die den Kostenzuwachs begründen. So steige die Personenzahl in der Gruppe der über 80-Jährigen im Vergleich zu den anderen Bundesländern überproportional an, nämlich bis 2030 um 82,3 Prozent. In Wien wächst diese Gruppe beispielsweise um 46,3 Prozent. Außerdem sei die Versorgungsdichte für Pflegepatienten in Vorarlberg bereits vergleichsweise hoch. Wolle man diese Qualität halten, werde die finanzielle Belastung somit zunehmen, erklärt Mitautor und Wifo-Experte Matthias Firgo, denn Effizienzsteigerungen seien im Pflegebereich nur begrenzt machbar. Eine Möglichkeit wäre es Firgo zufolge aber, neben der mobilen Pflege vor allem auch alternative Betreuungsformen wie betreutes Wohnen, Senioren-WGs, teilstationäre Dienste und die stationäre Kurzzeitpflege deutlich auszubauen.

Dieser Kurs werde bereits verfolgt, betont Schmid: „Wir konnten die Relation von Pflegegeldempfängern zu stationären Betten von 20 Prozent im Jahr 2000 auf heute 14 Prozent reduzieren.“ Den Gedanken „ambulant statt stationär“ trage man weiter, erklärte auch Gesundheitslandesrat Christian Bernhard: „Das klassische Pflegeheim ist gut, aber nur dann sinnvoll, wenn der Pflegebedarf durch die höhere Belastung anders nicht mehr zu bewältigen ist.“

Ehrenamt ausschlaggebend

Werde das ehrenamtliche Engagement weiterhin mit dem hauptamtlichen verbunden, „dann haben wir eine Chance, die Herausforderungen in den Griff zu bekommen“, ist sich Herbert Schwendinger, Obmann der Hauskrankenpflege Vorarlberg, sicher: „Wenn wir die Menschen auch weiterhin zu Hause pflegen können – und das wollen 90 Prozent der Personen – sind wir auf der besseren Seite: für die Menschen und ebenso, was die Kosten betrifft.“ Schwendinger gibt allerdings zu bedenken, dass sich die Gesellschaft verändere. Die Familienstruktur sei heute eine andere, was auch Auswirkungen auf die Pflegesituation haben könne. Schließlich werden derzeit rund 70 Prozent der Pflegeaktivitäten noch von Familienmitgliedern geleistet.

Ehrenamtliches muss mit Hauptamtlichem verbunden bleiben.

Herbert Schwendinger