Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Ende der Vollbeschäftigung

Politik / 11.11.2014 • 22:52 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In Österreich ist jeder zweite Job in Gefahr: Nicht durch Einwanderer oder Billigkonkurrenten aus dem Ausland, sondern durch die fortschreitende Automatisierung. Zehntausende Roboter werden in naher Zukunft Tausende Arbeitskräfte ersetzen. Dieser Prozess ist beim Mobiltelefonhersteller Foxconn bereits im Gange. In diesem Fall glücklicherweise, denn die Arbeitsbedingungen beim iPad- und iPhone-Hersteller waren äußerst miserabel und die Löhne auch. Dennoch sind diese Umstände bei Chinas größtem Arbeitgeber oft die einzige Wahl, die die Menschen dort haben.

Doch nicht nur die Billigproduktion von teuren Markenartikeln wird durch Maschinen noch effizienter, heißt kostengünstiger. In Japan plant der Schweizer Konzern Nestlé den Einsatz von Verkaufsrobotern für seine Kaffeemaschinen. Diese klären den Käufer interaktiv über Kaffeemaschinen und Kaffeegenuss auf. Darüber hinaus kommunizieren die anspruchslosen Helfer untereinander und lernen so aus jedem Kundengespräch. Ob sie auch wie George Clooney klingen können?

Jeder zweite Job in Europa könnte schon in den kommenden zwei Jahrzehnten von intelligenten Maschinen übernommen werden, so eine Studie von Jeremy Bowles von der Brüsseler Denkschmiede Bruegel. Diese digitale Konkurrenz bedroht die Berufe des Mittelstandes. Diesmal trifft es nicht nur die Ungelernten, sondern auch die Qualifizierten. Fahrer, Bankberater oder Buchhalter – sie werden ersetzt durch Software, allzeit verfügbar, nie unfreundlich.

Ein Schreckensszenario muss das aber trotz des derzeitigen Höchststandes an Arbeitslosen in Österreich nicht sein. Denn warum arbeiten, wenn es nicht sein muss? Statt die letzten sonnigen Herbsttage im Büro zu verbringen, wäre ein Ausflug in die Berge doch eine verlockende Alternative. Aktenberge abarbeiten können Computer ohnehin wesentlich schneller. Nicht zuletzt fußt die ganze Erfolgsstory des Kapitalismus auf Automatisierung und Rationalisierung. Niemand will oder muss heute (zumindest in Europa) mehr schwere Fließbandarbeit leisten. So wäre es doch nur eine logische Fortentwicklung, dass in Zukunft auch niemand mehr den ganzen Tag im Büro sitzen muss. Krank macht schließlich beides.

Die Folgen dieser Vernichtung von Arbeitsplätzen in einem nie dagewesenen Ausmaß sind also nur dann katastrophal, wenn die Politik keine Antwort darauf findet. Wenn sie stur am Mythos der Vollbeschäftigung festhält, obwohl es diese in Wirklichkeit nie gegeben hat. Das Zauberwort heißt Verteilung der Produktivitätsgewinne, egal, ob diese von Maschinen oder Menschen kommen. Entscheidend für den Wohlstand ist nicht, wer arbeitet, sondern wer den Profit einstreicht.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.