Happy End?

Politik / 12.11.2014 • 22:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Als am letzten Sonntag 7000 weiße Helium-Ballons langsam zum Himmel über Berlin entschwebten, wurde die Berliner Mauer, welche während Jahrzehnten als betonschwerer Trennriegel die Unüberwindbarkeit des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West und damit den Kalten Krieg verkörpert hatte, symbolisch zu einem schwerelosen Nichts: Vor einem Vierteljahrhundert hatte sich diese Grenze zwischen den Systemen, die für die Ewigkeit errichtet schien, mit der Leichtigkeit von Luftballons aufgelöst. Happy End für Europa, ja für die Menschheit? Happy Ends gibt es bekanntlich nur im Märchen, wenn der böse Drache besiegt ist, wenn Prinz und Prinzessin sich glücklich die Hände reichen.

„The End of History“, das Ende der Geschichte, hatte 1992, drei Jahre nach dem Mauerfall, der amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama in einem Artikel und einem Buch proklamiert, das zwar wenig gelesen, aber oft zitiert wurde. Mit Fukuyama habe ich gemeinsam, dass ich im selben Jahr wie er geboren wurde und damit die gleichen Kapitel der Weltgeschichte – Wirtschaftsboom und Kalter Krieg – miterlebte. Auch mich hatten 1989 die historischen Ereignisse überrascht, und mit Fukuyama teilte ich den Optimismus, dass nun eine weltumspannende Ära der Demokratie und des Friedens angebrochen war.

Weit gefehlt. Die brutale Tagesaktualität, von IS über Hamas bis hin zur Ostukraine, lehrt uns leider das Gegenteil. Wladimir Putin hat dem amerikanischen Präsidenten, seit den amerikanischen Wahlen, nur noch eine mehr oder weniger hilflose „Sitting Duck“, den Rang als „mächtigster Mann der Welt“ abgelaufen, und hat mit eiserner Härte begonnen, ein (redimensioniertes) postsowjetisches Imperium aufzubauen. In seinem Treffen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping hat er begonnen, eine politische Allianz zu schmieden, mit der den USA die Stirn geboten werden soll: Die Machtpolitik Moskaus in der Ukraine und auf der Krim sowie das Durchgreifen Pekings in Hongkong sind Herausforderungen gegenüber dem Westen und insbesondere der flügellahmen USA.

Der Gegensatz zwischen Ost und West setzt sich fort, auch wenn in Moskau und Peking das Deckmäntelchen der kommunistischen Ideologie einem knallharten Kapitalismus gewichen ist. Und in diesem Spannungsfeld von Ost und West lauert ein unentwirrbares Geflecht nahöstlicher Konflikte, deren mörderische Fronten zunehmend unklarer werden. Die Weltgeschichte geht weiter, von Happy End keine Rede.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).
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