Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Neue Familien hat das Land

Politik / 21.11.2014 • 22:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die ÖVP bewegt sich unter ihrem neuen Obmann Reinhold Mitterlehner mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wären da nicht empörte Kirchenvertreter, man könnte das eine oder andere sogar übersehen. Jedenfalls hat die Partei soeben eine Novelle zum Fortpflanzungsmedizingesetz mit ausverhandelt, die der Gegenwart nahe kommt. Nur einige Bischöfe geben sich entrüstet; Klaus Küng etwa spricht vor einem „Dammbruch“.

Doch was ist von Leuten zu halten, die nicht einmal die Fakten zur Kenntnis nehmen wollen? Die Vater-Mutter-und-viele-Kinder-Familie ist Geschichte. Das kann man bedauern, aber es ist ganz einfach so. Seit Mitte der 1980er bringt jede Frau statistisch gesehen nur noch ein bis zwei Buben oder Mädchen zur Welt, womit Kleinfamilien die Regel geworden sind. Außerdem sind Mütter bei der ersten Geburt nicht mehr Anfang 20, sondern kratzen im Durchschnitt bereits am 30er. Viele sind also noch älter und daher auf medizinische Hilfe angewiesen. In ihren besten Jahren haben sie eine Ausbildung und Karriere gemacht. Schon allein aufgrund der hohen Scheidungsrate müssen sie ja dafür gewappnet sein, ihre Familie eines Tages allein ernähren zu müssen. Parallel dazu sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu einem akzeptierten Modell geworden. Es ist gesickert, dass es unterschiedliche Wege zum großen Glück gibt. Wie die Kirche muss die ÖVP all das nicht gutheißen. Beide sollen ihre Idealfamilie definieren. Anders als die Glaubensgemeinschaft trägt die Volkspartei jedoch eine Gesamtverantwortung. Sie darf nicht nur verfolgen, was sie gutheißt, sondern muss auch die Lebensrealitäten, die Rechtsstaatlichkeit und den wissenschaftlichen Fortschritt berücksichtigen.

Das neue Fortpflanzungsmedizingesetz ist eine entsprechend umfassende Antwort. Es reagiert auf Höchstgerichtsurteile, die Entwicklung von Medizin und Gesellschaft, berücksichtigt aber auch eigene Vorstellungen, wo dies noch möglich scheint. Künstliche Befruchtung soll etwa auch einer in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebenden Frau erlaubt werden; nicht jedoch einer Singlefrau, weil Kindern nicht von vornherein nur ein Elternteil zur Verfügung stehen soll, wie es dazu hießt. Aufgehoben werden soll daneben etwa das Verbot der Eizellspende; nachdem die Samenspende bereits zulässig ist, lässt es sich nicht mehr rechtfertigen.

Die Kirche kann all das, wie gesagt, kritisch verfolgen. Die Form, wie sich einige Würdenträger äußern, ist jedoch menschenverachtend. Wenn ein Jugendbischof Stephan Turnovszky etwa fordert, junge Leute zu fragen, „ob sie es für sich selbst wünschen würden, das Produkt von fremden Ei- und Samenzellen zu sein“, so provoziert er die Gegenfrage, ob er sich noch als Seelsorger betrachtet; schließlich verletzt er mit seinen Worten all jene Frauen, Männer und Kinder, die entsprechende „Produkte“ sind.