Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Kein Grund zur Pensionspanik

Politik / 28.11.2014 • 21:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Politik ist Wiederholung. Und so hören wir ungefähr einmal im Jahr, dass das Pensionssystem kollabiere. Wobei das durch augenscheinliches Zahlenmaterial untermauert wird: Die Lebenserwartung steigt und steigt; doch das Alter, in dem sich Frauen und Männer zur Ruhe setzen, ist seit den 1970ern um mehr als zwei Jahre gesunken. Oder: Auf eine Person über 65 kommen heute vier im erwerbsfähigen Alter. 2050 werden es nur noch zwei sein. Wie soll sich das ausgehen? Das klingt wirklich alarmierend. Allein: Es ist nur die halbe Wahrheit.

Nicht zuletzt die Reformen der letzten Jahre haben zur Entspannung beigetragen: Die Nettoersatzrate, also die Höhe der Pension einer Person, gemessen in ihrem einstigen Einkommen, sinkt. Betroffene wissen das zu beklagen. Auf der anderen Seite werden ins System immer mehr Beiträge eingezahlt; die Lohnsumme steigt schließlich. Alles in allem werden die Pensionen den Staat in den nächsten Jahrzehnten um die 14 Prozent des BIP kosten. Zum Zusammenbruch wird das nicht führen. Heute sind es zwölf Prozent.

Selbstverständlich wäre es dennoch fatal, sich in totaler Sicherheit zu wähnen. Die Pensionsausgaben sind nur ein Posten; es gibt weitere, die ebenfalls mit der Alterung verbunden sind. So steigen auch die Aufwendungen für die Gesundheitsversorgung oder die Pflege. Daher dürfen zwei Prozentpunkte mehr für die Pensionen nicht isoliert betrachtet werden.

Ja, man muss noch viel weiter gehen. Im Sinne der Nachhaltigkeit sind auch andere Bereiche wie Bildung, Forschung, Wissenschaft und Infrastruktur essenziell. Genau dort erfolgen derzeit jedoch Kürzungen. Und das ist das wirklich Verhängnisvolle, auch im Sinne der Altersversorgung.

Zu einem guten Teil wird das Pensionssystem schließlich durch die Produktivitätssteigerung getragen. Ein schönes Beispiel dazu kommt aus der Landwirtschaft: 1950 hat ein Bauer zehn Personen ernährt; heute sind es 140. Die Leistungsfähigkeit nimmt rasant zu und parallel dazu auch die Möglichkeit, mehr für allerlei und darunter die soziale Absicherung aufzuwenden. 1950 ging ja noch fast die Hälfte des Haushaltseinkommens für Nahrungsmittel auf, heute ist es nur noch ein Achtel. Voraussetzung dafür, dass diese Entwicklung weiter andauert, ist eine starke Wirtschaft mit Top-Leuten. Und für die entsprechenden Rahmenbedingungen – wie gute Schulen – muss der Staat in Zukunft wieder besser sorgen.

Was die Politik zur Pensionsdebatte zu bieten hat, ist Klein-Klein, das zu nichts führt. Kanzler Werner Faymann (SPÖ) will vor seinem heutigen Parteitag nicht über Einschnitte reden, Vize Reinhold Mitterlehner (ÖVP) stichelt, indem er eine Reformautomatik verlangt. So geht gar nichts. Wenn jedoch ein Durchbruch gelingen soll, ist es naheliegend, einen Grundkonsens zu schaffen: Wofür wollen wir wie viel Geld ausgeben? Für Pensionen, für Bildung etc.? Aus der Antwort würden sich die notwendigen Veränderungen geradezu aufzwingen.

Die Zahlen klingen wirklich alarmierend. Allein: Es ist nur die halbe Wahrheit.

johannes.huber@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-0