US-Aufrüstung vor dem Fest

Politik / 30.11.2014 • 22:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der jährliche Hauptkampftag in den 48.000 Waffengeschäften in den Vereinigten Staaten ist vorbei. Nach Schätzung der amerikanischen Bundespolizeibehörde FBI rüsteten die US-Bürger am vergangenen Freitag (28. November) mit mehr als 250.000 weiteren Schusswaffen auf, mit so vielen neuen Pistolen, Revolvern, Maschinenpistolen und Karabinern wie an keinem anderen Tag des Jahres. Weihnachten naht. Die 350 Millionen US-Bürger besaßen privat schon vorher rund 318 Millionen Schießeisen. Aber das reicht wohl nicht und sie wollen immer mehr.

Der Irrsinn hat Tradition. Am Tag nach dem am vierten Donnerstag im November gefeierten Erntedankfest zieht es die Schießeisenfans wie magisch in die Gun Shops. Die Folgen sind früher oder später in den Leichenschauhäusern des Landes und auf den Seziertischen amerikanischer Gerichtsmediziner zu besichtigen. Tägliche Schusswaffenmordrate in den USA: 220 Opfer. Dazu kommen an jedem Tag noch etwa gleich viele Schusswaffenunfalltote. Und etliche legale Tötungen, wie etwa in Fällen von vermeintlicher oder tatsächlicher Selbstverteidigung. Bei alledem nicht mitgezählt sind die jedes Jahr durchschnittlich fast 500 von US-Polizisten erschossenen Mitbürger.

Dass nur gesetzestreue US-Bürger Schießeisen in die Hand bekommen, wie die National Rifle Association, die mehrere Millionen Mitglieder zählende Ballermannlobby, treuherzig behauptet, ist längst widerlegt. Aufgrund des 1998 nach dem Pistolenattentat auf den damaligen Präsidenten Ronald Reagan verabschiedeten Brady-Gesetzes dürfen die Händler Waffen tatsächlich nur an geprüfte Interessenten verkaufen. Wer amtsbekannter Terrorist ist, längere Zeit in Haft war, amtlich als psychisch gestört registriert oder unehrenhaft aus dem Armee entlassen wurde, wer per Haftbefehl gesucht wird oder gar auf seine US-Staatsangehörigkeit verzichtet hat, soll keine Waffe bekommen. Vor jedem Verkauf müssen die Händler deshalb beim FBI nachfragen, ob der Kaufwillige clean ist oder nicht.

Dennoch konnten FBI-Schätzungen zufolge in den vergangenen zwölf Monaten fast eine Million nicht überprüfter US-Bürger, unter ihnen Mord- und Terrorverdächtige sowie steckbrieflich gesuchte Straftäter, ungehindert Schusswaffen kaufen, weil die Computerdaten des FBI nicht up to date waren oder weil sich Knarrenfreunde bei Privatverkäufern oder bei einer der laufend im Land veranstalteten Gun Shows (Waffenmessen) eindeckten, deren Händler keinen Sicherheitscheck beim FBI machen müssen.

Theoretisch könnte Nicht-Amerikanern die Ballermannfixierung in den waffenstarrenden Vereinigten Staaten gleichgültig sein, und ob sich das Volk mit den vielen Schusswaffen so dezimiert wie keine andere Nation ohne Bürgerkrieg, ist ebenfalls eine rein amerikanische Angelegenheit.

Wenn die amerikanische Waffenkultur nur nicht gleichzeitig ein Symptom für offensichtlich geringere Gewalthemmschwellen mit einer schnellen Bereitschaft zu gewaltsamen Problemlösungen wäre. Bei schießbereiten US-Polizisten genauso wie in der Politik und auch außerhalb der Vereinigten Staaten. Kanonenbootpolitik hat eine lange amerikanische Tradition. Aktuelle Beispiele sind US-Kriegshandlungen in diversen Teilen der Welt. Das kann Nicht-Amerikaner nicht kalt lassen. Aber ändern können sie nichts. Vor Nachahmung wird aber gewarnt.

Dass nur ,gesetzestreue‘ US-Bürger Schießeisen in die Hand bekommen, ist längst widerlegt.

Peter W. Schroeder, Washington