„Kein Problem mit Kurden“

Politik / 04.12.2014 • 22:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Warten auf den Flüchtlingstransport von Syrien Richtung Ankara: Die Türkei hat bereits mehr als 1,2 Millionen Vertriebene aus dem Kriegsgebiet aufgenommen.  FOTO: REUTERS
Warten auf den Flüchtlingstransport von Syrien Richtung Ankara: Die Türkei hat bereits mehr als 1,2 Millionen Vertriebene aus dem Kriegsgebiet aufgenommen. FOTO: REUTERS

Türkischer Botschafter lässt Kritik, sein Land engagiere sich zu wenig in Syrien, nicht gelten.

bregenz. Mehmet Hasan Gögüs möchte den Begriff „Islamischer Staat“ oder seine Abkürzung „IS“ nicht in den Mund nehmen. „Das ist weder ein Staat, noch hat er irgendetwas mit dem Islam zu tun“, konstatiert der türkische Botschafter in Österreich. „Der Islam ist eine Religion des Friedens, das da ist aber eine Terrororganisation“, erklärt der 61-Jährige. Also nennt er den IS verächtlich „Daisch“. Die Araber haben diesen Begriff kreiert, der sich ergibt, wenn man die arabischen Anfangsbuchstaben von „Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien“ – so bezeichnen sich die Terroristen selbst – als zusammenhängendes Wort ausspricht. So entstand „Daisch“. Die Terroristen verstehen dieses Wort als Verhöhnung und drohen jeden zu bestrafen, der es benutzt.

 Beitrag der EU eingefordert

„Daisch ist nicht mit militärischen Schlägen alleine zu besiegen“, bekräftigt der türkische Botschafter bei seinem Besuch in Vorarlberg im VN-Gespräch den Kurs seines Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: Es brauche eine umfassendere Strategie: „eine militärische, wirtschaftliche, demokratische und soziale“. Und dazu müsse auch Europa seinen Beitrag leisten – dabei warnt Gögüs vor einer Zunahme der Radikalisierung. Junge Dschihadisten kämen aus allen EU-Ländern, auch aus Österreich, über die Türkei nach Syrien. Hier der Türkei den Vorwurf zu machen, die Terroristen an der Grenze nicht alle abzufangen, sei allein schon aufgrund der geografischen Situation unberechtigt. Immerhin: „Wir haben rund 1500 Kilometer Grenze zwischen Syrien und Irak zu überwachen.“

Also müsse man dieses Problem an den Wurzeln, sprich in den Ursprungsländern anpacken, mahnt der Diplomat mehr Hilfe der EU-Länder ein: „Würde die Integration von Migranten in den europäischen Ländern verbessert, dann würden sich auch viel weniger Menschen radikalisieren lassen und die Situation würde sich verbessern.“ Daneben gelte es freilich, sich um Daisch in der Levante zu kümmern. Aber wie?

„So lange die syrische Regierung unter Baschar al-Assad im Amt ist, gibt es keine Lösung.“ Die Machthaber in Damaskus hätten Syrien damals in einen Bürgerkrieg gezwungen, der bis heute anhalte. Die ganze Region sei dadurch destabilisert, in diesem Machtvakuum sei es für Terrororganisationen ein Leichtes, Fuß zu fassen: „Damals war es Al-Kaida, heute ist es Daisch, und wenn nichts gegen die syrische Regierung unternommen wird, ist es morgen eben eine andere Terrorgruppe.“ Nach der Ablöse des Assad-Regimes und der Installation einer demokratischen Regierung in Damaskus könne mit internationaler Hilfe eine Sicherheitszone in Syrien errichtet werden, von der aus die Terroristen bekämpft werden könnten – bei gleichzeitiger Wirtschaftshilfe, betont Gögüs. Derzeit laufe alles nur auf eine militärische Intervention hinaus, das sei nicht zielführend, daher sei die Republik Türkei auch zurückhaltend, was den Einsatz ihrer Streitkräfte betreffe.

 Milliarden für Flüchtlingshilfe

Den Vorwurf, dass die Türkei einen zu geringen Beitrag leiste, weist der Botschafter zurück: Türkische Soldaten bildeten kurdische Peschmerga-Kämpfer im Nordirak aus und unterstützten auch eine Einheit der irakischen Armee in Bagdad in gleicher Weise im Kampf gegen Daisch. Ganz abgesehen davon: „Wir haben bisher vier Milliarden US-Dollar (3,2 Mrd. Euro, Anm.) ausgegeben, um den Flüchtlingen in der Region humanitäre Hilfe zukommen zu lassen. Wir haben eine Million Flüchtlinge im ganzen Land untergebracht, weitere 250.000 leben noch in Lagern in der Türkei.“ Und dabei mache sein Staat keinen Unterschied zwischen Religionen und Zugehörigkeiten – womit der Diplomat auf das Kurdenproblem in seinem Land anspielt. „Erst kürzlich haben wir an nur drei Tagen 187.000 Kurden bei uns aufgenommen, das sind mehr, als die gesamte EU in drei Jahren an Flüchtlingen aus dieser Region aufgenommen hat. Wir haben kein Problem mit den Kurden, sehr wohl aber mit Terrororganisationen aller Art – neben Daisch gehört auch die kurdische PKK dazu“, stellt Mehmet Hasan Gögüs fest.

Botschafter Gögüs: Europa muss Beitrag leisten.  FOTO: FRANC
Botschafter Gögüs: Europa muss Beitrag leisten. FOTO: FRANC