„Ein Mahnmal gegen Fremdenhass“

04.02.2015 • 21:33 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Trauerschleife über dem Oberwarter Ortsschild nach dem Attentat am 5. Februar 1995. Im Hintergrund Beamte der Spurensicherung.  FOTO: AP
Trauerschleife über dem Oberwarter Ortsschild nach dem Attentat am 5. Februar 1995. Im Hintergrund Beamte der Spurensicherung. FOTO: AP

Vor 20 Jahren fand in Oberwart das schwerste politische Attentat seit 1945 statt.

OBERWART. Bundespräsident Heinz Fischer, Landeshauptmann Hans Niessl, Diözesan­bischof Ägidius Zsifkovics, Superintendent Manfred Koch, Angehörige der Ermordeten und der Volksgruppe der Roma sowie viele weitere Menschen gedachten am Mittwoch im burgenländischen Oberwart der Opfer des schwersten politisch motivierten Anschlags in Österreich seit 1945: Vor 20 Jahren, in der Nacht vom 4. zum 5. Februar 1995, werden Josef Simon, Peter Sarközi sowie Karl und Erwin Horvath von einer Rohrbombe getötet; diese war in einer vor der Roma-Siedlung von Oberwart aufgestellten Tafel versteckt, die die Männer entfernen wollten. Die Tafel trug die Aufschrift „Roma zurück nach Indien“.

Keine 35 Stunden später detonierte in der nahe gelegenen Gemeinde Stinatz eine Bombe, die fast zeitgleich mit der Oberwarter Sprengfalle hinterlegt wurde. Der Sprengsatz ist als umherstehende Spraydose getarnt und zerfetzt einem Mitarbeiter der Müllabfuhr die Hand.

Bajuwarische Befreiungsarmee

In einem kurz vor dem Stinatzer Attentat gefundenen Bekennerschreiben übernimmt ein „Friedrich II. der Streitbare, Herzog von Österreich, Steiermark und Vierburgenland“ genannter „Kampftrupp“ der „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ (BBA) die Verantwortung. Kernsatz des Schreibens: „Clans der Schifkowits, Grandits, Stoisits, Resetarits und Janisch: Zurück nach Dalmatien.“ Der Anschlag von Stinatz richtet sich gegen dortige Kroaten, jener von Oberwart zielte gegen Roma, die erst seit 1993 in Österreich als eigene Volksgruppe anerkannt sind. Beide tragen die Handschrift der BBA, hinter der, wie sich später herausstellen sollte, der Steirer Franz Fuchs steht. Dieser hält Österreich sowie das benachbarte Deutschland vier Jahre lang mit mehreren Serien von Brief- und Rohrbomben-Attentaten in Angst. Auch in Vorarlberg, in einer Feldkircher Anwaltskanzlei, taucht in dieser Zeit eine zunächst mit der Anschlagsserie in Verbindung gebrachte Paketbombe auf, die sich jedoch als Attrappe herausstellt.

Franz Fuchs, der sich nach seiner gerichtlichen Verurteilung zu lebenslanger Haft am 26. Februar 2000 in der Justizanstalt Graz-Karlau erhängen sollte, beginnt seine Terrorserie gegen Menschen, die sich für Ausländer einsetzen, am 3. Dezember 1993: Die ersten Opfer sind die Moderatorin Silvana Meixner – sie gehört zur ORF-Minderheitenredaktion und präsentiert die Sendung „Heimat, fremde Heimat“ – und der Hartberger Pfarrer August Janisch, der sich als Flüchtlingshelfer einen Namen gemacht hat, sowie Wiens Bürgermeister Helmut Zilk. Eines der letzten Opfer ist eine Mitarbeiterin im deutschen Fernsehstudio von Pro7: Der Sprengsatz in einem mit Blümchen verzierten Kuvert war an die dunkelhäutige Moderatorin Arabella Kiesbauer adressiert. Bilanz des Terrors: vier Tote und 15 teils schwer Verletzte.

Beide Unterarme zerfetzt

Am 1. Oktober 1997 wird Terrorist Franz Fuchs in der steirischen Ortschaft Gralla bei Leibnitz zufällig verhaftet: Bei einer Lenkerkontrolle durch die Polizei steigt der damals 48-jährige Ausländerhasser aus dem Auto und zündet eine weitere Rohrbombe, die ihm beide Unterarme wegreißt. Hausdurchsuchungen bringen ihn schnell in Verbindung mit der seit 1993 anhaltenden Anschlagsserie. Ab 2. Februar 1999 wird ihm in Graz der Prozess gemacht, am Ende unter Ausschluss von Fuchs, da dieser ständig ausländerfeindliche Parolen von sich gibt.

Fuchs gilt als eigenbrötlerischer, deutschtümlerischer Rassist, der in Bekennerschreiben mit erstaunlichem historischem Wissen von antiken Markomannen und mittelalterlichen Fürsten schwärmte, sich als Teil einer dubiosen Bajuwarischen Befreiungsarmee bezeichnete und jene angriff, die er für eine vermeintliche Überfremdung Österreichs verantwortlich machte. Obwohl bis heute über mutmaßliche Komplizen von Franz Fuchs spekuliert wird, hielten Exekutive, Staatsanwaltschaft und schließlich auch das Gericht an einer Einzeltäterschaft fest, dies vor allem gestützt auf das damalige Täterprofil des Tiroler Kriminalpsychologen Thomas Müller, damals gerade frisch vom FBI als Profiler ausgebildet, und des forensischen Gutachtens des Vorarlberger Gerichtspsychiaters Reinhard Haller, der feststellte: „Fuchs war nie gruppenfähig.“

Zum Gedenken wurde am Montag im Offenen Haus Oberwart die Ausstellung „Zeichnen gegen das Vergessen“ des Künstlers Manfred Bockelmann eröffnet. Anschließend führte ein Lichterzug zur Gedenkstätte, wo die von Roma-Vereinen und vom Referat für ethische Gruppen der Diözese Eisenstadt veranstaltete Gedenkfeier stattfand, an der zahlreiche Vertreter des politischen und öffentlichen Lebens teilnahmen. Bundeskanzler Werner Faymann erinnerte an die Verantwortung, entschlossen gegen Verhetzung und extremistisches Gedankengut vorzugehen: „Dieser schwerste politische Anschlag seit 1945 hat uns gezeigt, dass wir wachsam gegenüber autoritären und antidemokratischen Tendenzen sein müssen. Das ist heute aktueller denn je.“ Man lasse es nicht zu, dass extreme Gruppierungen einen Keil in die Gesellschaft treiben. Österreich sei eine Nation der Vielfältigkeit, genau darin bestehe ihre Kraft.

„Jede Volksgruppe hat das Recht auf einen fairen, gerechten und respektvollen Umgang“, unterstrich Faymann weiter. Kein Mensch dürfe durch seine Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe, wegen seines Glaubens oder seiner Rasse schlechter behandelt werden. Die Volksgruppe der Roma wurde während der NS-Zeit systematisch verfolgt, 17.000 ihrer Angehörigen im sogenannten Zigeunerlager in Auschwitz umgebracht.

Entschlossen gegen Terroristen

„Das Attentat von Oberwart ist bis heute ein Mahnmal gegen Fremdenhass und Extremismus. Daher gedenken wir nicht nur der Opfer, sondern stellen uns auch gegen Rassismus, Hetze und Radikalismus, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen“, betonte auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner: „Damals hat sich gezeigt, wohin Fremdenhass und Extremismus in letzter Konsequenz führen können. Auch die jüngsten Anschläge von Paris haben einmal mehr verdeutlicht, dass wir gemeinsam für die Grundwerte unserer Gesellschaft eintreten und sie entschlossen gegen Terroristen verteidigen müssen.“

Franz Fuchs war psychisch krank, aber doch hochintelligent.

Reinhard Haller
VN-Bericht vom 7. Februar 1995.
VN-Bericht vom 7. Februar 1995.
Bombenbauer Franz Fuchs während seines Prozesses am Grazer Landesgericht. Er schreit: „Ausländer, nein Danke!“  FOTO: APA
Bombenbauer Franz Fuchs während seines Prozesses am Grazer Landesgericht. Er schreit: „Ausländer, nein Danke!“ FOTO: APA